Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 18)
- Language
- German
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258 babylonischen Talmud an der Hand der Münchener Handschrift herzustellen, das von R. Rabbinowicz in den 16 Bänden seines Dikduke Sopherim bis zu zwei Drittel durchgeführt wurde, haben ihm in ihren zustimmenden Urteilen (הסכמות) gleichsam zugejubelt Fachautoritäten wie Josef Saul Nathanson-Lemberg, Salomo Kluger- Brody, Jakob Ettlinger-Altona, A. S. B. Sofer-Preßburg, Isaak Elchanan-Kowno u. A. Rund 30 Jahre wurde an diesem Variantenwerk gearbeitet, und mehr als 30 Jahre sind vergangen, ohne daß sich eine Hand geregt hätte, das noch fehlende Drittel zu ergänzen. Vielleicht ist das aus der Erkenntnis heraus zu erklären, daß die Varianten allein immer mehr als unzureichend empfunden wurden. Wir brauchen auch Text. Das Herausschälen eines wissenschaftlich brauchbaren Textes aus den Varianten ist schon an sich ein Problem und man gewinnt erst dann etwas Vollständiges, wenn man beides unter ein Dach bringt. Ein solcher Versuch liegt uns vor in Malters posthumem Traktat Taanith. Auf die Gründe, die den Verfasser bewogen, diesen Traktat zuerst zu bearbeiten, brauchen wir nicht näher einzugehen. Wir begrüßen das Werk als eine wissenschaftliche Tat ersten Ranges und bedauern bloß, daß mit dem früh heimgegangenen Verfasser auch dem Werk manches verloren ging, vor allem die ,,Zusätze“, auf die der Verfasser Bezug nimmt, und die bisher im Nachlaß nicht gefunden wurden. Was wir vom Hergang der Arbeit wissen, verdanken wir dem Vorsitzenden der Akademie, Herrn Prof. Louis Ginzberg, der sich der Sache mit besonderer Wärme annahm und dem Werke seine gegenwärtige Form gab. Das Werk gliedert sich in drei Teile. Den Hauptteil bildet der kritisch bereinigte Talmudtext. Unter dem Text befinden sich die aus den gangbaren Texten übernommenen zwei Marginalien: Hinweise auf den Bibeltext (תורה אור) und Hinweise auf Talmud- Parallelen (מסורת הש״ס). Beide haben hier eine erfreuliche Vervollständigung erfahren: zu den Bibelstellen kam die Angabe der Verse hinzu, zu den Talmudparallelen der Jeruschalmi und die reiche Midrascbliteratur. Diese letztere Erweiterung ist dementsprechend auch in der Ueberschrift gekennzeichnet מסרת הש״ס והמדרשים. Die außerordentliche Wichtigkeit dieser letzteren Erweiterung braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Der kritische Apparat ist seiner Anlage nach den הגהות des Dikduke Soferixn nicht unähnlich. Dem Auge fällt hier bloß die bequeme Quellenbezeichnung durch einzelne größergedruckte Buchstaben auf. Malter geht aber über Rabbinowicz weit hinaus. Einmal darin, daß er sich mit den LA mehr auseinandersetzt und sie kritisch gegeneinander abwertet. Zweitens nimmt Malter Anlaß, an schweren oder zweifelhaften Stellen kommentative Stücke zum Talmud selbst einzustreuen, die nicht selten den Charakter von Exkursen annehmen, — beides außerordentlich wertvoll, besonders von einem Spezialisten wie Malter, dem es gegeben war, von Haus aus mitgebrachtes gleichsam urwüchsiges Talmudwissen mit den bewährten Methoden moderner Altertumsforschung zu durchleuchten und so an das reiche, bisher noch kaum bemerkte Handschriftenmaterial kritisch heranzutreten.