Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 16)
- Language
- German
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256 ausgewirkt haben, wäre gerade von jüdischer Seite einer fachkundigen Erforschung würdig. Klausner hätte die beste Gelegenheit gehabt, gerade hier auf die geschichtliche Unhaltbarkeit manch einseitiger und verhängnisvoller Fabeln über das ,,Nationalverbrechen" der Juden hinzuweisen, die erst aus späteren Jahrhunderten in die Zeit des Evangelien-Jesus hineinprojiziert wurden. Es ist nicht ganz belanglos, daß die reichfließenden jüdischen Quellen eines ganzen Jahrtausends keine einzige historisch zu nennende Angabe über Jesus enthalten, die rein jüdischem Boden entsprossen wäre. Ein absichtliches Schweigen ist umso gewisser ausgeschlossen, als es ja an Jesusmaterial auch hier keinen Mangel gibt; Fabel und Legende sind gut genug vertreten, bloß das, was man als gescbichtlich ansprechen könnte, fehlt. Aus dieser Tatsache ergibt sich zunächst, daß das Traditionsjudentum als solches den Evangelien-Jesus aus unmittelbarer Nähe nie gekannt hat. Unabhängig von einander versuchte man sich nachträglich in der weitversprengten Diaspora, die durch verschiedene Wege zugeflossenen fragmentarischen Mitteilungen urchristlicher Gemeinden zurechtzulegen, daher die bunte Diskrepanz der , Legenden. Man vgl. das von Prof. Louis Ginzberg entdeckte aramäische Fragment über Jesus, in dem uns die älteste Form des späteren Toledot Jeschu vorliegen soll (Ginze Schechter I, 329 ff. und bes* die wertvolle Einleitung hierzu S. 324 ff.). Hier wird der Prozeß Jesu auf das Mißlingen eines Wunders aufgebaut, das dem neutestamentlichen Quellen- Schrifttum ganz fremd ist. Prof. S. Krauss hat vor 20 Jahren (REJ 1911, Bd. 62, S. 240 ff.) ein aus Buchara stammendes kabbalistischmidraschisches Textstück veröffentlicht, in dem die Hinrichtung Jesu damit begründet wird, daß Jesus als Unbeschni ttener das Pessachopfer darbringen wollte, was ihm den Zorn des Hohenpriesters zugezogen habe. Von den bekannteren Fabeln können wir hier absehen. Sachliche Erforschung des jüdischen Legendenmaterials würde auch noch ergeben, daß die darin entdeckten Schmähungen gegen das Christentum bezw. gegen Jesus keine primären Erscheinungen sind; daß sie aus jüdischem Wesen ebenso wenig ableitbar sind, wie so viele Zorn- und Verzweiflungsausbrüche christlicher Märtyrer aus christlichem Wesen. Danby selbst hat das in seinen bereits erwähnten Vorlesungen mehrmals betont. Man vgl. besonders die 3. Vorlesung (From the Crusades to the Eihgteenth Century). Danby macht auch darauf aufmerksam, daß die Juden, die nach überstandenen Verfolgungen in Rotterdam Unterkunft fanden und keine Zensur zu fürchten brauchten, ebenso die nach der Türkei verpflanzten Juden es gleichwohl vermieden christengegnerische Schriften zu verfassen. Die polemische Literatur war also jüdischerseits niemals Selbstzweck, sondern zwangsläufiger Ausfluß bedrängter Zeiten. Zu diesem negativen Beweis kommt auch manch positiver hinzu. Das schon erwähnte Bucharische Fragment, das aller Wahrscheinlichkeit nach in einer nichtchristlichen Umwelt entstanden ist, wo sich also mit dem Namen Jesu weder Bekehrungseifer noch Verfolgungssucht verband, weiß zwar auch nichts Nennenswertes zu sagen, zeigt aber auch keinerlei Gereiztheit dem Stifter