Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
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255 es sich um einen Menschen handelte, der wohl auch andere zu einer als Götzendienst empfundenen Sünde verleitet hat; er soll auch fünf Schüler gehabt haben. Doch schien man in der Hinrichtung, so weit das tannaitische Material reicht, nicht nur die richterliche Erledigung der Prozeßakten Jesu, sondern auch einen Abschluß seines Einflusses gesehen zu haben. Von einer ernstlichen, konfessionsmäßig eingestellten Gefolgschaft ist in frühtalmudischen Texten kaum etwas zu finden. Ergänzend mag noch auf die Tatsache hingewiesen werden, daß der Talmud keine Einmischung römischer Verwaltung in den Prozeß Jesu kennt. Pontius Pilatus ist nirgends erwähnt. Die Judikatur ist innerjüdisch; die Hinrichtungsart biblisch: Steinigung. Das Aufhängen kann erst nach vollzogener Todesstrafe und nur für ganz kurze Zeit erfolgt sein. Von Judas ist keine Spur zu finden. Die rasende Geschwindigkeit, mit der man den Prozeß des Evangelien- Jesus geführt hat, kontrastiert seltsam mit dem talmudischen Bericht, daß man 40 Tage hindurch ausrufen ließ: Wer Aussagen zugunsten Jesu zu machen hat, möge sich melden. Nein! es ist nicht abzusehen, wie sich hier ohne Vergewaltigung der Talmudtexte harmonisieren läßt. So mangelhaft und bruchstückartig auch die frühtalmudischen Berichte sind, so geht immerhin aus ihnen hervor, daß sie vom Evangelien-Jesus keine Ahnung hatten. Man mag es nun dem frühtalmudischen Judentum zugute schreiben oder übel nehmen, daß es über einen Jesus des Jahres 30 oder 35 in Unkenntnis blieb, hingegen einen Jesus aus dem Jahre 100—70 durch einige dürftige Erinnerungen im Gedächtnis behielt; eines wird sich aber jeder unbeeinflußte Forscher sagen müssen: der Talmud hat über Jesus das gesagt, was er wußte und wie er es wußte. Der Dogmatiker mag mit diesem alten ,,Zeugen“ unzufrieden sein; aber ihn heute umzustimmen und etwas anderes sagen zu lassen als er vor 17 oder 18 Jahrhunderten gesagt hat, ist Talmudfälschung. Die völlige Unwissenheit des frühtalmudischen Judentums hinsichtlich des Evangelien-Jesus leugnet auch Klausner nicht, möchte sie aber, um seine Einstellung zu retten, mit der nicht ganz einwandfreien Vermutung erklären, ״daß in einer Zeit, die infolge der Herrschaft des Herodes-Hauses und der römischen Landpfleger voller Unruhen war, das Auftreten von Jesus ein so unbedeutendes Ereignis war, daß die Zeitgenossen es überhaupt nicht beachteten“ (S. 18). Wie immer man sich aber zu dieser Deutung stellen mag, so liegt darin auf jeden Fall das offene Geständnis, daß auch Klausner die altjüdischen Jesus-Reminiscenzen nur unter der Voraussetzung faßbar findet, daß die Zeitgenossen des Evangelien- Jesus das Ereignis überhaupt nicht beachteten. Was folgt aber aus diesem außerordentlich wichtigen Tatbestand? Hier läßt uns Klausner im Stich. Sein Interesse für eine dogmenhaft reale Zeichnung des Evangelien-Jesus drängt ihn von der dem Judentum und seiner Literatur zugekehrten Seite des Problems vollständig ab. Welche geschichtliche Bedeutung der jüdischen Unkenntnis des ״großen Dramas auf Golgatha“ beizumessen ist, und wie sich diese Unkenntnis in Literatur und Leben