Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
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254 Buche: ״Celsus’ wahres Wort“ (Zürich 1873) zuerst auf die Tatsache hingewiesen zu haben, daß Justin Martyr in seinem bekannten Dialoge (cap. 8) dem Juden Tryphon Worte in den Mund legt, die auf eine völlige Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu hindeuten. J. M. Robertson (Jesus and Judas S. 140) kommt auf die Stelle nochmals zurück. Die Auffä&gkeit, daß Justin gegen Tryphons Leugnung nicht allgemeines Geschichtsbewußtsein oder zumindest neutestamentliche Zeugnisse geltend macht, sondern mit Ausdeutungen alttestamentlicher Prophezeihungen sich abmüht, erklärt sich am einfachsten aus der Annahme, daß Tryphon wohl einen Mann namens Jesus gekannt haben mochte; doch gehörte er nicht in die Zeit des Evangelien-Jesus und hatte nichts vom leidenden oder erlösenden Messias an sich. Es ist geradezu verblüffend, daß Justin Martyr in einem von ihm selbst erdichteten Dialoge den Juden Tryphon in aller Ruhe das Dasein Jesu leugnen läßt. Die Tatsache gewinnt an Bedeutung, wenn man bedenkt, daß Justin in Tryphon nicht einen bestimmten Menschen, sondern den Juden schlechtweg sprechen läßt. Dem ihm bekannten Durchschnittsj uden schreibt also ein Schriftsteller aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts das Nichtkennen des Evangelien-Jesus zu. Diese Tatsache darf nicht übergangen werden. In den mittelalterlichen Religionsdisputationen wurde von jüdischer Seite oft genug geltend gemacht, daß der im Talmud genannte Jesus als Zeitgenosse des Josua ben Perachja mit dem Evangelien- Jesus nicht identisch sein könne. In neuerer Zeit wollte man darin nichts anderes als einen apologetischen Ausweg erblicken. Diese Meinung mag als Ausfluß einer später sich ausbildenden Volksauffassung ihren Sinn haben, die sich ja bekanntlich um Zeitunterschiede von einem oder mehreren Jahrhunderten nicht viel kümmert1. Kritisch gesehen war sie immer falsch. Ernste Forscher hüben und drüben konnten es sich niemals verhehlen, daß es sich in der Tat um zwei ganz verschiedene unausgleichbare Traditionsquellen handelt. Zuletzt griff die Frage mit viel Geschick und unbestechlichem kritischem Sinn J. M. Robertson auf. Man vgl. sein Christianity and Mythology (London 1910) S. 284 unt. f.; 298; 363 u. s. Die Originalität des Spruches hat auch noch seine inneren Merkmale. Man beachte, daß dem Lehrer Jesu ein nicht zu verkennender Vorwurf gemacht wird, daß er Jesum nicht wieder mit der Rechten an sich gezogen habe. Für einen solchen Vorwurf bietet uns die Geschichte des Evangelien-Jesus keinen Anhaltspunkt. Das Vergehen, das dem talmudischen Jesus die Todesstrafe zugezogen hat, wird sich vielleicht niemals im einzelnen ermitteln lassen. Eines aber steht fest, daß hier wie in anderen frühtalmudischen Sprüchen keine Leidenschaftlichkeit zu verspüren ist. Man hat den Eindruck, daß 1 Wenn wir hier von Volksauffassung sprechen, meinen wir nicht das Volk im strengsten Sinne des Wortes, sondern den Nichtfachmann. Wie auch noch in neuester Zeit mit Jahrhunderten gespielt wird, zeigt uns eine Schilderung des Jesus-Prozesses von dem im vorigen Jahrhundert viel gelesenen franzosischen Romanschriftsteller Eug&ie Sue. Nach ihm soll Kaiphas dem Pontius Pilatus vorgehalten haben, daß Jesus als Volksführer viel gefährlicher sei als alle ihm vorangegangenen Messiasse, auch als Bar Kochba ״der Sohn des Sterns“ (Les Mysteres du Peuple, Bruxelles 1850, Bd. 5, S. 51).