Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
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253 des R. Josua ben Perachja macht. Mit anderen Worten, Klausner schaltet auch tannaitische Jesus-Elemente aus, sofern sie mit den Evangelien nicht übereinstimmen. Hier hat sich Klausner von seiner dogmatischen Einstellung irreführen lassen. So wenig es uns darauf ankommt, eine Entscheidung über die Geschichtlichkeit des Evangelien-Jesus davon abhängig machen zu wollen, ob die alttalmudischen Reminiszenzen mit den Evangelienberichten übereinstimmen oder nicht, so halten wir es für eine berechtigte Forderung der Wahrheitsliebe und der unparteiischen Geschichtsauffassung, daß die Frage: ״was haben die talmudischen Kreise in den ersten zwei Jahrhunderten von Jesus gewußt“ aus der unberührten Form des frühtannaitischen Stoffes beantwortet wird. Jede Korrektur oder Streichung, die durch einen Seitenbhck auf außertalmudische Quellen vorgenommen wird, ist Fälschung. Eine auf Jesus bezogene Harmonisierung von Talmud und Evangelien läßt sich wissenschaftlich nicht durchführen; sie führt zu willkürlichen und gewaltsamen Geschichtskonstruktionen. Nach dem bereits angeführten tannai tischen Satz hat die frühtalmudische Zeit einen Jesus gekannt, der ungefähr 100 Jahre vor dem Evangelien-Jesus gelebt hat. Inwiefern diese Kenntnis historisch verwertbar sei, darüber kann man verschiedener Meinung sein; daß sich aber das frühtalmudische Judentum im Besitze dieses chrono* logischen Datums befand, steht außer jeden Zweifel. Einiges Beweismaterial liefert uns hierfür Klausner selbst. Der Kirchenvater Epiphanius hat bereits die rätselhafte Behauptung ausgesprochen, daß Jesus in den Tagen Alexanders und Salinas, d. h. Jannais und Salomes gelebt habe. Er sucht diese Behauptung aus alttestamentlicher Prophezeihung zu erklären. Die Verlegenheiten, die sich aus diesem Anachronismus der christlichen Welt ergaben, verrät schon Dionysius Petavius (Petau) in der zweiten Ausgabe des Epiphanius (Paris 1622) Haer. 22, 51 und 29, 3. In der vollständigen neueren Ausgabe (ed. Dindorf) I 486 und II 81—82. Klausner entledigt sich des ganzen Problems dadurch, daß er (S. 28) Epiphanius von der zitierten Talmudstelle afbhängen läßt.* Schade, daß sich Klausner nicht von den Quellen selbst beraten ließ. Epiphanius spricht ja hier gar nicht von Josua ben Perachja, sondern von Alexander und Salina, bzw. von Jannai und Salome. Seine zeitgeschichtlichen Merkworte sind also ganz andere als die des Talmuds. Auch sonst zeigen die Epiphanius-Texte ein ganz anderes Bild als die tannai tischen Daten. Ohne der Epiphanius-Kritik vorzugreifen, muß man sich sagen, daß dieser Haeresiologe keineswegs dazu gestimmt war, gerade beim Talmud Anleihen zu machen. Wenn man hier eine von jüdischer Seite stammende Beeinflussung voraussetzen will, so muß sie aus einer gut eingelebten Tradition hergeleitet werden, aus einem allgemeinen Geschichtsbewußtsein, dem sich auch Epiphanius nicht entziehen konnte. Je rätselhafter uns der ״Anachronismus“ bei Epiphanius erscheint, desto entschiedener ist seine außerchristliche Herkunft, aber ebenso entschieden und gesichert sein Vorhandensein als festsitzende und gutgläubige Tradition. Wir wollen noch einen Kirchenschriftsteller aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts heranziehen. Theodor Keim scheint in seinem