Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829980-2836920--50556-2836963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
249 Es denkt heute kaum noch jemand an die 31 Punkte der Jesuitenherrscher in Paraguay, die den 12. September 1759 bei Pater Rennez und Pater Lenaumez (Indianerkaplane) vorgefunden wurden. Die Punkte drehen sich um die weißen Europäer (nach Schiller, Jesuitenregierung in Paraguay): 10״. Gott befiehlt, daß wir seine Feinde ausrotten und in ihre Länder vorrücken, um sie auszurotten. — 11. Damit ein von Gott Verfluchter, z. B. ein Spanier, ausgerottet werde, muß man auch das zeitliche Leben verlieren, damit man das ewige verdiene ... —13־. Wer einen Europäer umbringt, wird selig werden. — 14. Wer einen Tag zubringt, ohne eine Handlung des Hasses und der Verfluchung wider einen Europäer vorgenommen zu haben, wird zum ewigen Feuer verdammet werden.“ — Die weiteren Punkte sind, wenn möglich, noch viel düsterer. Zu erwähnen ist noch der Spruch eines amerikanischen Generals: ״The only good Indian is a dead Indian“ (Gotthard Deutsch, Jew and Gentile, S. 122). c) Endlich findet sich, im Gefolge der Rahmendisproportionierung, eine ,,Irrationalisierung rationaler Gleichheitsmomente“. Montefiore zitiert z. B. (S. 160) Windischs Antithese: ,,Die Bergpredigt enthält viel Jüdisches, aber als Ganzes ist sie antijüdisch. Der Talmud befaßt viel ״Christliches‘‘, als Ganzes ist er antichristlich.“ In diesen Worten liegt zweifellos etwas Bestechendes. Wer möchte es bezweifeln, daß die Bergpredigt viel Jüdisches enthält. Ebensowenig läßt sich in Abrede stellen, daß der Ta.Imud vieles enthält, was nichtchristlich ist. Und doch entbehrt der Spruch als Ganzes der inneren Wahrheit. Montefiore selbst bemerkt, daß die zweite Hälfte der Antithese wahrer ist als die erste Hälfte. Das ist an sich richtig. Es geht hier aber um viel mehr. Sieht man sich die Worte näher an, so muß man sich sagen, daß die ganze Antithese auf falscher Grundlage ruht. Windisch bedient sich hier einer übersteigerten Rahmendisproportion: der Bergpredigt ist eine Literatur gegenübergestellt, die mehr Foliobände hat als die Bergpredigt Zeilen. Dieses Mißverhältnis ermöglicht es Windisch, eine wirkliche, rationale Gleichung in eine irrationale umzuwandeln. Die Bergpredigt enthält ja in der Tat viel Jüdisches, besonders wenn man das Paulinische und Apologetische ausscheidet. Betont man nun aber das Jüdische oder das Ethische in der Bergpredigt, so hat man sich eben den Stoff herausgesucht, der das gemeinschaftliche Gut von Judentum und Christentum bildet. — Von apologetisch zugespitzten Uebersteigerungen können wir hier ruhig absehen. — Das Unterscheidende und Trennende liegt also gar nicht in der Bergpredigt, sondern im außerethischen Teil des Christentums, im mystischen Teil seines Lehrgebäudes, in den Dogmen und Sakramenten. Und umgekehrt, wenn wir an die Talmudsätze denken, die ethischen Inhalts sind, so* haben wir wiederum Gemeinschaftsgut herausgehoben. Der Talmud als Ganzes faßt aber auch das kultische Leben in sich, das sich freilich mit dem des Christentums nicht deckt. Und will man hier die Abweichungen kennzeichnen, so liegt das keineswegs an ethischen Differenzen, sondern an der prinzipiellen Verschiedenheit der innerkultischen Grundlagen: Gesetzesoffenbarung auf der einen Seite, auf der anderen Mysterien-