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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 248

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
Date
1931-01-01
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 zur Entschuldigung der haarsträubenden Behauptungen, Verdächtigungen und Verleumdungen, die zwischen 1914 und 1918 in der Weltpresse zum Abdruck gelangten. Trägt der Religions- und Kriegs verfolgte des zweiten Jahrhunderts eine größere Verantwortung für seine noterpreßten Worte als die Krieger und Kriegsstimmungsmacher des zwanzigsten Jahrhunderts? Zeigt nicht die vier- oder fünfjährige Kriegsliteratur eine weit größere Fülle von Fremdenfeindschaft selbst innerhalb einer und derselben Religionsgemeinschaft als all das, was man in Talmud und Midrasch an Zeugen von Druck und Verfolgung mehrerer Jahrhunderte aufzubringen vermochte? Die uns naheliegenden Parallelen aus der Weltkriegsliteratur zeigen überdies, daß man historisch bedingte Sätze und Aussprüche nicht als algebraische Größen handhaben darf. Es geht nicht an, unruhige Zeiten mit ruhigen zusammenzuwerfen und das Mittel, das man aus beiden zusammen gewinnt, als Sittenspiegel irgendeiner Volks- oder Religionsgemeinschaft hinzustellen. Der sittliche Normalstand ist nichts anderes als die Mittelziffer, die sich aus Vergleichung n o r m a 1 e r Lebenszustände und -Verhältnisse ergibt. Unnormale oder gar katastrophale Eruptionen des Geschichtslebens haben zweifellos ihre hohe zukunftbedingende Bedeutung, aber für die ethische Beschaffenheit der betroffenen Volks- oder Religionsgemeinschaften sind sie ungefähr dasselbe, wie eine schwere Krankheit im Leben des Individuums. So wenig man sich einfallen lassen darf, die in der Fieberhitze gesprochenen Worte den gesunden oder wiedergesundeten Menschen als Symptome seines Charakters zur Last zu legen, so wenig dürfen Märtyrerworte oder Aeußerungen von Verfolgten in eine sittenvergleichende Parallelistik, zumal einseitig, hineinbezogen werden. Der Sittenhistoriker muß sie entweder ganz ausschalten öder als Krankheitserscheinungen buchen. —• So klingt der viel gebrauchte und mißbrauchte Spruch des R. Simon ben Jochai טוב שבגדים הרג (Montefiore S. 69 ff.) zweifellos sehr hart. Denkt man aber daran, daß der Autor dieses Spruches ein Mann war, der es mitangesehen hat, wie seinem Lehrer R. Akiba römisch-heidnische Henker das Fleisch vom lebendigen Leib mit eisernen Striegeln abkämmten, und der ferner dreizehn Jahre hindurch als Höhlenbewohner leben mußte, um römischen Häschern zu entwischen, so wird man seinen Spruch, der auch den besten Heiden als todeswürdig hinstellt, richtig einzuordnen wissen. Es würde auch nicht schwer fallen, Parallelen in der alt kirchlichen und sogar in der späteren Literatur zu finden. Und es begegnen uns Aeußerungen dieser Art nicht nur als erpreßte Worte von Verfolgten und Märtyrern, die ja den Feind nicht zu treffen vermögen, sondern als Befehle und Wünsche von Verfolgern, Befehlshabern und Fürsten, die sich naturgemäß viel schlimmer auswirken. Rund zwei Jahrhunderte nach R. Simon ben Jochai fordert Julius Firmicus Maternus die beiden Kaiser Constäntius und Constans auf, das Heidentum mit Stumpf und Stiel auszurotten (Quellen bei Gieseler I, 2, 10 ff.). Und das sind keine leeren Worte geblieben. Auch die neue und neueste Zeit hat solche Worte gehört, und zwar nicht in Form von machtlosen Wehrufen, sondern von ernst zu nehmenden Befehlen.

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