Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
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247 Umwelt. Die alte Kirche dagegen beansprucht, die alleinige Institution für die Seligkeit zu sein. Damit ist zwischen Talmud und Kirche eine scharfe Linie gezogen. Die Kirche ist bloß ihren eigenen Mitgliedern gegenüber universal, Andersgläubigen gegenüber ist sie von Haus aus, da ihr die prinzipielle Zweiteilung des Religionsinhalts fehlt, äußerst partikularistisch. Die richtige Betonung dessen, was eine Religion von Haus aus ist, dürfte auch uns Mittel an die Hand geben, das ,,Repräsentative“, wie sich Montefiore ausdrückt, vom Ausnahmemäßigen zu scheiden. Gerade christliche Theologen, die so gerne vom strengen Wortsinn biblischer Texte aus den Kultur- und Sittenstand des alten Israel beurteilen, sollten es weniger übersehen, daß der Talmud in der Fremdenethik weiter geht, als dies der bloße Wortsinn der Bibel nahe legt. Dies zeigt sich zunächst in einem Prinzip, das man füglieh ,,geschichtliche Lokalisierung“ nennen könnte. Nach Deut 234-9 ist Angehörigen einiger Völker der Anschluß (Familienanschluß) an die Gemeinschaft Israels teilweise oder ganz versagt. Dies Verbot wird schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts als aufgehoben erklärt mit der Begründung, daß diese Völker nicht mehr ihren angestammten Boden behaupten1. — Aus der Theorie der Noachidengeböte fließt das palästinensische Ansiedlungsrecht für jeden Fremden, ohne die Verpflichtung, Proselyte zu werden. Es genügt, wenn er die universalen Noachidengebote auf sich nimmt2. ■— Die kanaanäischen Eroberungsvorschriften, die von der Apologetik so häufig hervorgehoben werden, sollen nach dem Talmud nur denen gegenüber in Anwendung gekommen sein, die sich zur Annahme der Noachidengebote nicht bequemen wollten. Von etwaigen historischen Ein wänden kann hier um so eher Abstand genommen werden, als es uns ja in der Hauptsache auf die talmudische Grundauffassung ankommt. Diese zeigt zweifellos eine universalere Fremdenethik der Heidenwelt gegenüber als die zeitgenössischen Kirchenväter sie haben3. — Die Durchführung des Gesetzes von der zum Götzendienst verführten Stadt (Deut 13, 13 ff.) ist vom Talmud so gut wie aufgehoben, während die Kirche sie in aller Schärfe mehrmals praktisch betätigt hat4. Schon nach dieser kurzen Ausführung kann es nicht zweifeihaft sein, daß der Grundton der Fremdenethik im Talmud von Haus aus ein entschieden freundlicher ist; sie ist eingebettet in die talmudische Theologie, die den Grundsatz universaler Menschenethik losgelöst hat von der Bedingung kultischer Zugehörigkeit und auch sonst keinerlei Alleinseligkeitsgewalt beansprucht. Ebensowenig kann es zweifelhaft sein, welche Aussprüche repräsentativ und welche geschichtsbedingt sind. Zum weit größten Teil weiß sie Montefiore auch gefühlsmäßig auseinanderzuhalten. Manches von Billerbeck Verwertete stellt er jedoch als bedenklich hin. Es scheint mir demgegenüber, daß auch er dem Einfluß der Geschichte nicht genügend Rechnung trägt. Man spricht heute viel von Kriegspsychose 1Ebd. S. 45!!. 2 Ebd. S. 64 ff. 8 Ebd. S. 221 ff. 4 Ebd. S. 226 ff.