Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
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246 Darin fehlen z. B. die scheußlichen Bücher Hermann Goedsches, dessen 35 Bände sogenannter historisch-politischer Romane eine ununterbrochene Kette von schauerlichen Sadismen bilden usw.“ Die einseitige Auswertung talmudisch-midraschischen Materials durch disproportionierte Parallelisierung zum Neuen Testamente wird auch in allen anderen Punkten des ethischen Lebens durchgeführt. Beispiele sind bei Montefiore nachzulesen. Da es uns aber bloß auf die Beleuchtung der Methode ankommt, so dürfte das Gesagte genügen. b) Wir kommen nun zu einem zweiten Prinzip, dessen Berücksichtigung in einem objektiven Parallelwerk ebensowenig fehlen darf, wie die richtige Proportionierung der Rahmen: es ist das historische Prinzip. Wenn Montefiore meint (S. XVI), daß man Parallelen daraufhin zu untersuchen habe, ob ihnen hinsichtlich ihrer bezüglichen Kreise ״repräsentative“ oder bloß ״exzeptionelle“ Bedeutung zukomme, und dementsprechend die Forderung aufstellt, daß nur charakteristische Parallelen zu berücksichtigen seien, so hat er damit das historische Prinzip aufs innigste berührt. Denn geschichtlich bedingte Ausnahmezustände sind es in den meisten Fällen, die auch in der Literatur den ordnungsmäßigen Gang eingelebter Denkrichtungen unterbrechen und Elemente einfließen lassen, die den Grundton des ganzen stören. Auch für dieses Prinzip zeigt Billerbeck wenig Verständnis. Sein Parallelwerk ist darin genau, daß es den Automamen der talmudisch-midraschischen Sprüche eine Zeitziffer, zumeist das Todesjahr, beigefügt. Darin erschöpft sich aber auch für ihn alle Geschichte. Die Parallelen werden nach formalen Grundsätzen aufgeschnürt. Unstimmigkeiten und Gegensätze werden im besten Falle als rein subjektive, individualistische Verschiedenheiten gebucht, und wo es sich um apologetische Belange handelt, wird nicht selten gerade das Ausnahmemäßige, das historisch Bedingte als Normalanschauung der ״alten Synagoge“ ausgespielt. Wir greifen hier nochmals auf die Fremdenethik zurück. Zumal Partikularismus und Fremdenhaß sollen im rabbinischen Schrifttum ihre besondere Note haben. Versteht man unter Partikularismus ein Sichabschließen vor Andersgläubigen, so ist jede Religion, auch die christliche, partikularistisch1, jede sucht ihre Mitglieder von Einflüssen fremder Religionen femzuhalten. Will man aber unter Partikularismus religiös orientierte Intoleranz verstehen, dann gehen freilich Talmud und heidenchristliche Urkirche nicht denselben Weg2. Der Talmud bekennt sich, seiner biblischen Grundlage folgend, zur Einheit des Menschengeschlechts, fordert aber hierzu keine kultische Einheit; ihm genügt die elementare und allgemein gehaltene noachidische Ethik als Plattform für die Zusammenarbeit des Juden mit der 1 Manche neuere nichtjüdische Gelehrte sind offen genug, zuzugeben, daß der Vorwurf des Partikularismus, den sie gegen das Judentum erheben, in gewissem Sinne auch das Christentum trifft. Vgl. etwa Wilamowitz-Moellendorff, Hesiods Erga (1928) 158: ,,Auch die Christen haben den Herrn und Vater der ganzen Welt nur von denJjHelienen —f soweit sie ihn haben“. 2 Vgl. M. Guttmann, Judentum und Umwelt, S. 115 ff.; 221 ff.; 262 ff.