Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 a) Der erste und größte Fehler Billerbecks besteht darin, daß er Schriften verwandten Stoffes, aber in völlig verschiedenen Rahmen parallelisiert. Es kann unter Umständen der kleinste Bach mit einem Meere verglichen werden; man darf aber nur mit großer Vorsicht Meer und Bach ernstlich miteinander parallelisieren wollen. Schon rein quantitativ ist der Rahmen für die weitschichtige Talmud- und Midraschliteratur so groß, daß eine ernstliche Parallelisierung mit dem Neuen Testament schon auf den ersten Blick bedenklich erscheinen dürfte. Noch mehr tritt das Mißverhältnis hervor, wenn man bedenkt, daß die herangezogene Talmud- und Midraschliteratur sehr verschiedene Richtungen des jüdischen Religions- und Volkslebens widerspiegelt, und zwar für einen Zeitraum von rund zwölfhundert Jahren; sind doch die — oft genug einander scharf widersprechenden — Aussprüche der einzelnen Talmudlehrer für das Judentum keineswegs in dem Sinne maßgebend wie die Worte Jesu für das Christentum. Wie soll nun dieser zeitlich, räumlich und inhaltlich so überaus reiche und heterogene Stoff einem Buche gegenübergestellt werden, dessen Schriften rein erbaulichen Zwecken dienen, einer verhältnismäßig kurzen Zeitperiode angehören und manchen Redaktionsprozeß durchgemacht haben, bis sie zu einem einheitlichen Werk vereinigt wurden. Ist es angebracht, bei so extremen Rahmenunterschieden wertbestimmende Vergleiche anzustellen? Man stelle sich einen Sittenhistoriker vor, der nach der Methode Billerbecks den ethischen Stand zweier Völker Vergleichsweise bestimmen wollte: auf der einen Seite würde alles herangezogen werden, was je ein nennenswerter Deutscher in den letzten zwölf Jahrhunderten getan, gesagt oder niedergeschrieben hat; auf der anderen Seite würde etwa die erste ethische Gesellschaft figurieren, die Stanton Coit in England gegründet hat, bzw. das, was die Mitglieder dieser ethischen Gesellschaft getan, gesagt oder niedergeschrieben haben. Was dabei herauskommt, ist synoptische Täuschung, Verzerrung der Wirklichkeit sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite. Wenn man Vergleichswissenschaft treibt, muß vor allem die Dimensionierung der Rahmen eine gleiche sein: das Ganze kann nur dem Ganzen, Teile aber nur entsprechenden, gleichgelagerten Teilen gegenübergestellt werden. Auf diesen ersten Grundfehler Billerbeckscher Parallelisierungsmethode ist ein großer Teil der Schwierigkeiten zurückzuführen, die Montefiore in seinem neuen Buch beschäftigen. Er sieht zwei unumstößliche Wahrheiten vor sich: Billerbeck findet fast zu jedem ethischen Spruch der Evangelien eine oder auch mehrere ziemlich passende Parallelen in der talmudisch-midraschischen Literatur. Diesem Plus gegenüber lassen sich aber auf jüdischer Seite auch g e g e n t eilige Aussprüche nachweisen. Damit scheint Talmud und Midrasch und zugleich auch die jüdische Ethik gerichtet zu sein. Wie ist es aber mit den Rahmen bestellt? Hat es Billerbeck auch nur versucht in entsprechender Weise auch in der christlichen Volks- und Kirchenliteratur so tief hinunterzugehen als Talmud und Midrasch reichen? In der Kritik, die sich gegen rabbinische Fremdenethik richtet, findet man z. B. alles sorgfältig zusammengetragen, was polemisch verwertbar ist; weniger genau sind die 16*