Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
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242 Jesu, noch mehr die Vorzeitigkeit im Vergleich zu ihnen, abgesprochen. Damit soll auch der talmudischen Ethik, soweit sie Aehnlichkeiten mit der neutestamentlichen aufweist, der eigene Boden entzogen sein. Dies ist schon deshalb bedenklich, weil das Neue Testament keineswegs aus dem Zeitalter Jesu stammt; insbesondere ist die Zeitgrenze für Zusätze und redaktionelle Textänderungen sehr schwankend. Im Endergebnis bleibt dem Theologen keine bessere Grundlage als der Gedanke an die der Aufzeichnung zugrundeliegende T ra di ti o n. Läßt man aber die Tradition mitspielen, so wird die Priorität der Ethik Jesu gegenüber den jüdischen Parallelen sehr problematisch, da man ja auch im Talmud mit alten, zu einem guten Teil vorchristlichen Traditionen zu rechnen hat. Mit Recht schreibt Ed. v. Hartmann1, der gerade als Fernstehender einige Beachtung verdient: ,,Bei unserer genauen Bekanntschaft mit jenen ersten nachchristlichen Jahrhunderten aus der anderweitigen Weltliteratur erscheint es unverantwortlich, die Benutzung der älteren Partien des Talmud für die Kenntnis des Kultur- und geistigen Bildungsstandpunktes der Zeit Jesu rein deshalb abzulehnen, weil die betreffenden Traditionen erst später abgeschlossen und niedergeschrieben sind . . . Aber selbst in solchen Punkten des Talmud, wo man es nicht für wahrscheinlich erachten kann, daß Jesus sie schon gekannt habe, wird doch häufig eine Parallele von höchstem theoretischem Interesse sein, um zu vergleichen, wie die zwei auseinandergehenden Sprossen aus derselben Wurzel sich in verschiedener Weise entwickelt haben. In vielen Einzelfällen, z. B. bei dem Vorkommen derselben oder ähnlichen Vergleiche und Gleichnisse, bedarf es gar keiner historisch-philologischen Kenntnisse und Untersuchungen . . . und auch in solchen Fällen, wo die Fassung keinen Anhalt für die Beurteilung des Altersverhältnisses bietet, wird doch von vornherein die Vermutung der Originalität sich zugunsten der talmudischen stellen müssen, weil zwar die Entlehnung von seiten Jesu und seiner Jünger aus der nationalreligiösen Tradition ihrer Zeit eine völlig selbstverständliche Sache ist, aber eine Entlehnung von seiten des christenfeindlichen J udentums der ersten Jahrhunderte aus den Evangelien mindestens als etwas sehr Auffallendes gelten müßte/' Den letzteren Punkt drückt Montefiore sachlicher aus: ,,I also assume (what I believe to be the truth) that, except in a few polemical directions, Gospel teaching had no influence upon rabbinic teaching, and that therefore a late Rabbinic ,parallel' to a given doctrin or saying ascribed to Jesus is a true parallel in the sense thatit is a true and native development or product, not borrowed from, or influenced by, the Gospels" (S. XVII u.). Eine richtige Erfassung der Forderungen, die objektive Wissen- Schädlichkeit an ein Parallelenwerk wie das Billerbecks zu stellen hat, gibt uns den einzig brauchbaren Maßstab für eine gerechte Wertung desselben. Das ist in kurzem die These Montefiores. Wir wollen in Weiterführung seiner Gedankengänge zeigen, weshalb Billerbeck dieser Forderung nicht genügt. 1 Das Christentum des Neuen Testaments2 1905, 36 f.