Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit II.1 Von Michael Guttmann in Breslau. Rabbinic Literature and Gospel Teaching von C. G. M o n t e f i o r e (Macmillan and Co., Limited, St. Martins Street, London, 1930). Die besondere Bedeutung dieses Buches liegt in seiner kritisch gerichteten Bezogenheit zu Strack-Billerbecks monumentalem ,,Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch“ (München 1922—1928). Strack-Billerbeck oder besser Billerbeck hat im Prinzip nichts Neues geschaffen, allerdings aber die Vergleichsarbeit bis zu einer fast unüberbietbaren Erschöpflichkeit gesteigert. Montefiore ist jedoch der erste2, der das Werk als Ganzes unter die Lupe nimmt und die Vergleichungen von Punkt zu Punkt durchprüft/ Er ist auch der erste, der sich in dankenswerter Weise über das Grundsätzliche eines religions- und sittengeschichtlichen Vergleichswerks auseinandersetzt. Man wird Montefiore zweifellos beistimmen, wenn er in der bloßen Inhaltsähnlichkeit kultischer und ethischer Sätze verschiedener Religionskreise kein untrügliches Kennzeichen wahren Parallelismus oder der Abhängigkeit sieht. Zunächst muß man Form und Geist auseinanderhalten. Manche Gegenüberstellung beruht auf scheinbaren Aehnlichkeiten. Mancher Spruch verdankt bloß einem Zufall seine Entstehung, ist also für den eigenen Religionskreis nicht charakteristisch. Bei diesen Erwägungen kommt es Montefiore vor allem darauf an, die vielumstritteiie Selbständigkeit der rabbinischen Ethik ins klare Licht zu setzen. Trotz weitgehender Zugeständnisse, die Montefiore bereit ist der christlichen Theologie auch dort zu machen, wo es sich lediglich um apologetische Belange handelt, scheint er in Billerbecks Parallelwerk auf eine Grenze gestoßen zu sein, die er bei aller Strenge gegen sich selbst oder besser gegen das talmudisch-midraschische Schrifttum, und bei aller Liberalität nach außen hin, nicht in der Lage ist, zu überschreiten. Dem christlichen Schriftsteller, meint hier M., kommt es in der Hauptsache darauf an, Priorität der Ethik Jesu nachzuweisen. Diesem Streben ist es in erster Reihe zuzuschreiben, daß er die talmudischen Parallelen ,,niederschlägt“ (he has knocked it down), wenn nicht anders, mit dem sehr billigen Einwand, daß der Talmud einer späteren Zeit angehöre als Jesus. Damit ist, wenigstens für der! Apologeten, allen Parallelen aus Talmud und Midrasch die mögliche Gleichzeitigkeit mit der Lehre 1 Vgl. Jahrgang 1930, S. 172 ff. 2 Vgl. J. Krengel MGWJ 1926, S. 48 ff.; M. Guttmann, Das Judentum und seine Umwelt, S. 298 ff. Beide haben es hauptsächlich mit den Anmerkungen und Ausführungen Billerbecks zu tun. Die Anlage des Apparates ist bis heute noch nicht ins richtige Licht gerückt worden. Montefiores Buch bietet auch in diesem Punkte Neues. Mort atsschrift, 75י Jahrgang, 16