Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 3)
- Language
- German
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226 beiden Gruppen des Proletariats und des Intellektualismus vernichtet. In diesen beiden Gruppen selbst aber sieht Asch nur die Kräfte der Zerstörung wirksam, nicht die des Lebens, solange sie die Idee der Revolution über die des Menschen stellen. Die Wertung des Menschen, ein urjüdisches Gefühl, führt Mirkin, den Vertreter einer untergehenden Welt, wieder mit seinem Sohne Sacharij zusammen. Im Innersten enttäuscht von den Auswirkungen der Revolution, stellt Sacharij das Recht des Gefühls, der Kindesliebe, der Individualität über die Idee der Revolution, deren Anhänger und Mitkämpfer er gewesen ist. Der Tod Mirkins und Halperins, des einen in den Kerkern der Revolution, des anderen durch Gegenrevolutionäre, steht als Symbol für den Untergang ihrer Klasse. Die Flucht Sacharijs von Moskau nach Warschau bedeutet seine Loslösung vom Bolschewismus und sein Heimfinden zu einer stillen Menschlichkeit. Im einzelnen kann man mancherlei Einwände gegen Aschs Werk erheben: so erscheint die Komposition nicht immer glücklich, wie auch theoretische Erörterungen vielfach zu breit ausgesponnen, einzelne Gestalten zu stark typisiert sind. Dennoch ist hier ein Stück Zeitgeschichte in einer Weise gestaltet worden, die einen großen und erschütternden Eindruck hinterläßt. Ganz anderer Art ist Roths Buch ,,Hiob“. Kein Weltenschicksal, sondern ein Einzel Schicksal, kein lautes Geschehen, sondern ein stilles Sichvollziehen, mit der Schlichtheit und Zartheit erzählt, die wir am Märchen kennen und lieben. Diese Schlichtheit und Zartheit, diese wundervolle Reinheit der Form, des Wortes schafft eine Atmosphäre, in der das Märchenhafte, das Wunderbare zu Hause ist. Zugleich liegt in dem Untertitel, den Roth seiner Dichtung gegeben hat, ,,Der Roman eines einfachen Mannes“, eine Abgrenzung und Einschränkung dieses Hiob-Buches dem großen biblischen Vorbild gegenüber. Denn der Lehrer Mendel Singer aus Zuchnow lebt von Anfang an in Enge und Armut; wohl ist er mit Kindern gesegnet, und ein stilles, festes Geborgensein im Glauben erfüllt ihn, der glücklos, doch nicht unglücklich ist. Früh aber liegt ein Schatten über ihm: das jüngste Kind, Menuchim, ist von Geburt an krank, ein Epileptiker. Und langsam kommen andere Schicksalsschläge über Mendel Singer: der älteste Sohn geht als Soldat dem Elternhause und seiner Religion verloren, und als die Familie zu dem zweiten Sohn nach Amerika aus wandert, muß der kranke Menuchim Zurückbleiben. Daß sie ihn zurücklassen, lastet als Leid und Schuldgefühl auf den Eltern und läßt sie, läßt vor allem den Vater des neuen, gesicherten Lebens nicht froh werden. Der Weltkrieg nimmt ihnen den zweiten Sohn, nimmt Mendel Singer die Frau, die den Tod des Sohnes nicht überlebt, und das Hiob-Schicksal erfüllt sich an dem alten Mann, wenn er auch die Tochter verliert, die von einer unheilbaren Gemütskrankheit ergriffen wird. Das Hiob-Schicksal treibt ihn zur Hiob-Schuld. Dem bis dahin in Gott Geborgenen erscheint Gott als der, der gerade die Schwachen gern schlägt, und trotzig und verzweifelt sagt sich Mendel Singer von Gott los. Der Kinder und der Frau beraubt, glaubenslos, arm, in drückender, demütigender Abhängigkeit altert er dahin, und nur der Gedanke an Menuchim, die unablässige Frage, ob dieses eine seiner Kinder ihm noch lebt, gibt seinem Leben Sinn und Wert. Und dann, am Fest der Wunder, am Sederabend, geschieht das Wunderbare: daß Menuchim, gesundet, ein berühmter Musiker, seinen Vater wiederfindet, und daß‘mit diesem Wunder Mendel Singer auch Gott wiederfindet: ,,Er hat das Gefühl, daß er jetzt aufstehen müßte, gerade werden, wachsen, groß und größer werden, über das Haus hinauf und mit den Händen den Himmel berühren. Er kann die ge-