Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 2)
- Language
- German
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225 die eigene auf. Der völlig assimilierte Jude und sein Gegenbild, der fromm und fest am Glauben und Brauch der Väter hängende Jude, der Ghassid wie der ,,Aufgeklärte“, der ganz als Russe empfindende Jude und der Zionist, der Fanatiker und der durch die Assimilation Entwurzelte, der sich sein Judentum erst erobern muß, sie alle sind vom Dichter gestaltet und handelnd oder leidend in das große Geschehen hineingestellt worden. Mit ihnen ist ihre Welt und ihre Umwelt gestaltet worden: der geistige und religiöse Hintergrund und das politische und soziale Milieu. So ist das Werk als Ganzes von einem großen Reichtum der Charaktere wie der Bilder erfüllt, ohne doch dadurch verwirrend zu wirken. ״Petersburg“ bildet den Auftakt der kommenden Tragödie insofern, als hier am Einzelschicksal und in der Gesamtfärbung die Notwendigkeit der ״Sintflut“ aus der Verderbtheit und der Brüchigkeit der Zustände erwiesen wird. Hier enthüllen sich alle Sünden des zaristischen Rußlands am Leben und Erleben des wohlhabenden jüdischen Bürgertums, das religiös durchaus assimiliert ist. Drei Gestalten heben sich aus dem Rahmen der Handlung heraus: der Advokat Halperin, der Großkaufmann Mirkin und sein Sohn Sacharij. Diesem, einem Unsicheren und Schwankenden, weist eine tatkräftige Frau in der lebendigen Betätigung und Auswirkung jüdischer Religiosität einen Weg zur Festigung und Rettung seines Selbst. So löst sich Sacharij von der Verlobten, der Tochter Halperins, und von seinem Vater, zugleich von der kulturellen Schicht, der er durch Herkunft und Erziehung angehört, um in Warschau im Kreise dieser Frau, Rachel-Leje, der Frau des Lehrers Hurwitz, sein Leben neu zu beginnen. Auf das Bild des äußeren Reichtums und der inneren Fäulnis folgt so das Bild jüdischen Lebens in Warschau, in einer sozial, religiös und geistig ganz anders gearteten Schicht. Dort Ueppigkeit, hier die größte Armut; dort ein Ausweichen vor den religiösen Fragen, hier ein intensives Leben in ihnen. Dort die Selbstverständlichkeit des Bildungsgutes, hier ein unablässiges Ringen um Wissen, Gelehrsamkeit, ״westliche Bildung“. Dort ein Absehen von politischer Betätigung, hier politischer Fanatismus, der am stärksten in den jüngsten Mitgliedern des Kreises um Rachel-Leje brennt. Dort eine gewissermaßen verdeckte Feindschaft des Beamtentums gegenüber den reichen jüdischen Bürgern, hier ein rohes Zugreifen der Armut gegenüber. Nur eins überbrückt die Gegensätze, die zwischen der jüdischen Schicht von Petersburg und der von Warschau bestehen: die gleiche unbedingte Hilfsbereitschaft waltet hier wie dort, wenn es sich um den Glaubensgenossen handelt. Freilich sind ihre Formen verschieden: der berühmte Advokat Halperin setzt seinen Stolz darein, seinen armen Glaubensgenossen ein Verteidiger und Helfer zu sein. In lebendiger Liebe, in tatkräftiger Selbstaufopferung wirkt Rachel-Leje als eine wahre ,,Mutter in Israel“ unter den Allerärmsten. Hier in Warschau, in einem Kreise, der alle Typen des Juden umfaßt, findet Sacharij zum Judentum, zugleich zum Sozialismus und in der Liebe zu Helene, der Tochter der Rachel-Leje, zu einer Beruhigung und Beglückung seines Selbst. Wie der Dichter in ״Petersburg“ die zum Untergang reife Welt des Bürgertums zeichnete, so in ״Warschau“ die Welt des Proletariats und gleichzeitig des Intellektualismus, der beiden Kräfte, die das alte Regime in Rußland bindet, und die es dafür unterhöhlen, um frei zu werden. Bürgertum, Proletariat und Intellektualismus geben dem letzten der drei Romane, ״Moskau“, gemeinsam das Gepräge. Das Bürgertum, vornehmlich durch die Gestalten Halperins und Mirkins vertreten, wird von den Monatsschrift, 75• Jahrgang. 15