Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdischen Mittelschulen in den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829979-2836800--50509-2836885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
220 eigenes, einstöckiges, hübsches Schulgebäude beziehen, das aber — wie der Jahresbericht von 1929/30 besagt — heute bei voller Anzahl der Klassen nicht mehr genügen kann. Die Anstalt entließ in diesem Jahre schon die dritte Gruppe ihrer Maturanten (bisher 57), Als letzte Phase der äußerlichen Entwicklung wurde dieses Jahr die tschechoslovakische Unterrichtssprache eingeführt, ,,welche Maßnahme mit dazu beitragen soll, die Lebenstüchtigkeit der Schüler zu erhöhen.“ Ueber das innere Leben der Schule sprechen sich die Jahresberichte äußerst knapp aus. Die Lehrkräfte werden teils vom Staate zugewiesen (genießen also volle Pensionsberechtigung), teils vom erhaltenden Schul verein bestellt. Die meisten Zöglinge entstammen der Tschechoslovakei, doch finden sich auch 33 Ausländer; als Muttersprache bekannten 16 das Tschechische, 104 das Deutsche, 14 das Jiddische, 20 das Ungarische und 4 das Polnische. Trotz dieser Vielsprachigkeit einte die Schüler das tschechoslovakische Staatsbewußtsein, das ihnen auch durch mannigfache Schulfeiern nahegebracht wird. Der jüdische Nationalgeist, dessen Pflege sämtlichen Schulfächern an vertraut ist, wurde unter anderem durch den Besuch Ch. Weizmanns (1925) und Sokolows (1927) genährt. Im übrigen befolgt die Schule, der alljährlich das Oeffentlichkeitsrecht verliehen wird, den allgemeinen Lehrplan der tschechoslovakischen Mittelschulen (mit Latein von der V. Klasse an, Französisch von der II., Deutsch von der I. Klasse) und verwendet große Sorgfalt auf die körperliche Ertüchtigung der Jugend. Religion wird in wöchentlich 2 Stunden unterrichtet, dazu kommt Neuhebräisch mit 3 Wochenstunden. Hebr. Reformrealgymnasium Mukacevo (Munkäcs). Was der Tarbuth-Schule in Cluj nicht gelang, was auch der Brünner Anstalt in derselben Republik nicht gegeben war, auf rein nationalistischer Grundlage ein hebräisches Schulwerk zu schaffen, das vollzog sich in dem der Tschechoslovakei angeschlossenen ruthenischen Waldgebiet, Podkarpatskä Ruß. Die zionistische Begeisterung mancher jüdischer Kreise, auch die Furcht, ihre Kinder in ungarische Schulen zu schicken, führte dazu, daß nach dem Umsturz in kleinen Dörfern über 10 Elementarschulen mit hebräischer Unterrichtssprache entstanden und als deren Krönung 1926 das hebräische Gymnasium in Munkäcs, dem bekannten Zentrum ostjüdischer Kultur. Die Zahl der Volksschulen ging wohl mit der Zeit zurück, aber das in eigenem Gebäude untergebrachte Gymnasium entwickelte sich, beherbergt in diesem Jahre in 7 Klassen 210 Zöglinge, Knaben und Mädchen gemischt, und wird im Schuljahr 1931/32 seine ersten Abiturienten entlassen. Interessant ist, daß sämtliche Zöglinge nicht bloß jüdischer Nationalität und Konfession sind, sondern — laut den in hebräischer und tschechischer Sprache herausgegebenen Jahresberichten — auch als Muttersprache das Hebräische angeben. Im Lehrplan folgt die Schule dem der staatlichen Reformrealgymnasien, mit der Abweichung, daß als Unterrichts- und erste lebendige Sprache das Hebräische gilt, als zweite Tschechisch (einzelne Gegenstände werden Tschechisch vorgetragen), als dritte