Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdischen Mittelschulen in den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
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214 sehen Bildung bieten sollten. Aber Jahrzehnte mußten vergehen, bis die mehr inneren als äußeren Widerstände gegen die ״Separation“ niedergekämpft waren und das ״Freystädtler-Kuratorium“ 1919 mit dem Minister Grafen Apponyi den Stiftungsvertrag des Gymnasiums unterfertigen konnte. Von den Pädagogen des Landes wurden nun Lehrpläne ausgearbeitet, vom Altmeister begutachtet, bald am Rande des Stadtwäldchens, außerhalb des eigentlichen Juden Viertels, Grund und Boden gekauft, auf dem 1913 ein monumentaler Schulbau aufgeführt wurde. Da kam der Krieg dazwischen, — die rohen Mauern ruhten, und als 1919 die ersten Klassen eines Knaben- und eines Mädchengymnasiums eröffnet werden sollten, mußten beide in fremden Räumlichkeiten Unterkunft finden. Aber der entscheidende Schritt war geschehen und nun konnte die Entwicklung schon infolge der ihr innewohnenden vis inertiae nicht mehr aufgehalten werden. Als das Stiftungskapital entwertete, bauten die ״Freunde des Gymnasiums“ viele Papiermilliarden besonders in die herrliche Synagoge der Anstalt; im Jahre 1928 aber gingen sowohl Stiftungsvermögen als Verwaltung der beiden Gymnasien in die Hände des Gemeindevorstandes über, der nunmehr für deren Erhaltung sorgt. a) Knaben realgymnasium. Die Organisation beider Gymnasien ist das Verdienst des vielseitigen Gelehrten Prof. Dr. B. Heller, der erst beide, dann drei Jahre hindurch das Knabengymnasium leitete. Dasselbe war anfangs humanistische Anstalt mit Latein, Deutsch und Griechisch, wurde aber anläßlich der Reform des ungarischen Schulwesens Realgymnasium mit Deutsch, Latein und Englisch. Trotz mancher anfänglicher Schwierigkeiten nahm die Anstalt von Jahr zu Jahr an Ausdehnung und Ansehen zu, übersiedelte 1926 in provisorisch hergerichtete Lehrräume des Neubaues und wurde auch von Kindern ganz unreligiöser Eltern aus den entferntesten Bezirken aufgesucht, die — umtobt von feindlichen Gewalten — in diesem Milieu einen sittlich-religiösen Halt erhalten sollten. Freilich muß auf diesem Gebiete die feste Ueberlieferung erst geschaffen werden. Der eine Professor richtete auf streng traditionellen Grundlagen einen modern geregelten Gottesdienst ein, der allerseits Nachahmung findet. Jeder Bar Mizwa-Knabe erhält von den ״Freunden“ ein mit den Abzeichen der Synagoge geschmücktes Gebetbuch, jeder Abiturient eine Taschenbibel; — während die von der Anstalt abgehenden Klassen dem Tempel neugeschriebene Torarollen vermachen, — eine wurde auch mit dem Silberschmuck der Bezalel-Schule in Jerusalem versehen. Das eigenste Problem der jüdischen Schule bildete die Regelung des Religionsunterrichtes, dem vom Staate ausnahmsweise 5 Wochenstunden zugebilligt wurden und der anfangs ausschließlich von den ״Laienlehrern“ der Schule erteilt wurde. Der Lehrstoff umfaßt in den 4 unteren Klassen ausgewählte Teile des Pentateuchs, in den oberen Propheten und Psalmen, daneben in jeder Klasse Geschichte, Grammatik und Liturgie. Das jüdische Gymnasium behauptet im Schulwerk der Hauptstadt mit Ehre seinen Platz. Schüler der obersten Klasse erringen erste Preise sowohl bei den Studienwettbewerben des Landes, als bei den öffentlichen Turn- und Sportveranstaltungen. Seit Jahren