Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Reste neuplatonischer Spekulation in der Mystik der deutschen Chassidim und ihre Vermittlung durch Abraham bar Chija
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 19)
- Language
- German
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190 Kabbalisten, die Epstein geleugnet hat, erweisbar sind. Der Unterschied ist nur der, daß in Spanien und der Provence diese Ideen bei ihrem Zusammenstoß mit der älteren überwiegend gnostisch be~ stimmten ,,vorhistorischen״״ Form der Kabbala eine umgestaltende und produktive Kraft bewiesen, die sich in der Bildung einer spekulativen mystischen Theologie ausgewirkt hat, während sie dem deutschen Chassidismus als kraftlose Schemen zugeführt wurden״ die sich nicht mit eigenem Gewicht durchzusetzen und seine Er־־ scheinung zu ändern vermochten, sondern vielmehr von dieser spekulativ so schwachen Bewegung noch weiter und bis zum völligen Verfall aufgelöst wurden. Und dieser Unterschied, mit dem der Sachverhalt wohl schärfer umschrieben werden kann als mit den bisher üblichen Charakteristiken, ist freilich wesentlich genug: er ist in der verschiedenen Kapazität der Aufnehmenden viel mehr begründet als in den auf sie wirkenden, weniger als man glaubte verschiedenen, Einflüssen. Daß A. b. Ch.s Buch im zweiten und dritten Viertel des 12. Jahrhunderts in die Kreise gelangt ist, in denen dann der hier analysierte Prozeß eingesetzt hat, ist nicht erstaunlich. Wie schon Guttmann nachgewiesen hat, war das Buch ja auch in den Händen des Josef Bechor Schor, und durch seine Vermittlung zu andern Autoren der französischen Exegeten-Schule gelangt1 2 3. Genau so ist ja auch der aus genau dem gleichen Kreise stammende Jezira-Kommentar des Juda ben Barsilaj aus Barzelona nach dem Rheinland gekommen, wo ihn Elasar von Worms in seinem Jezirakommentar nachweisbar, wenn auch ohne ihn zu nennen, z. T. wörtlich ausgeschrieben hat'*. Ja, ich glaube beweisen zu können, daß Abraham bar Chija als Quelle der Weltenreihe im Ps.-Saadja noch ausdrücklich genannt ist, nur daß die Forscher den Namen nicht erkannt haben. Die Stelle des Ps.-Saadja beginnt nämlich, wie schon oben mitgeteilt, mit der in manchen Hss. ausgelassenen Quellenangabe פ״ד בם' צח ואשוד, deren Umdeutung durch A. Epstein S. 174 erwähnt worden ist. In Wirklichkeit ist dies aber nichts als eine in den übrigen Zitaten A. b. Ch.s in der französischen Schule fast ganz gleichlautend belegbare Korruption des den nordfranzösischen und deutschen Juden unverständlichen arabischen Titels!צאחב אלשורטד (,,Polizeipräsident“)3,. 1 Einleitung zur Ausgabe des מגלת המגלה S. XXII—XXIII. 2 Dies hat A. Epstein in der Monatsschrift 1893 S. 118 nachgewiesen. Dagegen läßt sich, im Gegensatz zu Neumarks mit so großer Sicherheit erhobenen, z. T. ganz phantastischen Behauptungen, durchaus nicht beweisen, daß die spanischen Kabbalisten (und sicher nicht die von ihm namentlich aufgeführten) diesen Jezirakommentar gekannt hätten, geschweige denn, daß• er jenen angeblich überragenden Einfluß auf sie ausgeübt haben soll, den Neumark in seiner Geschichte der jüdischen Philosophie I konstruiert hat. Sogar der in den Jezirakommentaren ganz besonders belesene Abraham Abulafia hat, wie aus seiner bekannten Stelle über die von ihm studierten Kommentare hervorgeht (בית המדרש von Jellinek III S. XLII der Einleitung), Juda ben Barsilajs Buch nie gesehen, obwohl er sich in dessen Heimat Barzelona aufhielt, als er sich diesen speziellen Jezira-Studien widmete. 3 Eigentlich ״Befehlshaber der Leibgarde“, was übrigens nicht etwa, wie meistens (so noch von Michael Guttmann in der Encyclopaedia Judaica I 430) angenommen wird, ein wirkliches Regierungsamt ist, sondern nur, wie ich Fritz Baers Belehrungen entnehmen konnte, ein hoher Ehrentitel nach Art unseres ״Geheimrat“ oder ״Exzellenz“.