Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Reste neuplatonischer Spekulation in der Mystik der deutschen Chassidim und ihre Vermittlung durch Abraham bar Chija
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 18)
- Language
- German
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189 Buches Jezira, die hier nun die unterste Welt bilden, angeordnet sind. Nach Ps.-Saadjas Beschreibung dieser Welten, in der auch sie recht räumliche Aspekte zeigen und von ihrer Lichtnatur ja überhaupt nur in der obersten Welt etwas übrig geblieben ist, scheint das nicht einmal sehr logisch, und ist eben aus dem Einfluß seiner Quelle zu verstehen. Die auf diese Welten aus dem Jeziratext nun noch gleichsam heraufgestülpten ersten vier Welten im Ps.-Saadja haben nichts mehr mit unserer Untersuchung zu tun, interessant ist nur, daß er alle zehn Sephiroth wohl unter dem rückwirkenden Einfluß der neuplatonischen Terminologie als Welten bezeichnet, eine Auffassung, die sonst den deutschen Chassidim fremd ist, und nur in der von gnostischer Aeonenlehre beeinflußten Terminologie der alten Quellen der ,,spanischen'* Kabbala erscheint, wo sie sich auch erst im 13. Jahrhundert mit der verwandten Terminologie der neuplatonischen Hierarchie des Seins, die ebenfalls von ,,Welten" spricht, vermischt hat. Es ist also hiermit erwiesen, daß die Weltenlehre der deutschen Chassidim, die nach A. Epstein gar nichts mit den Spekulationen der sefardischen Kabbala zu tun haben sollte, sich zwingend aus einer von A. b. Ch. vermittelten, aber von ihm wesentlich umgedeuteten neuplatonischen Quelle herleiten läßt, in der auch griostische Einflüsse wirksam gewesen sein dürften. Ja, man darf sogar noch einen Schritt weiter im Widerspruch zu Epsteins Diktum gehen, das damit aus der Kabbalaforschung ausscheiden muß: denn wenn auch die kabbalistische Lehre von den vier Welten Aziluth, Beri'a, Jezira und 'Assija ohne Beziehung auf Schemata der Art des hier interpretierten entstanden ist, so sind wir doch jetzt in der Lage nachzuweisen, daß, bevor noch diese in ihrem Alter durchaus überschätzte Vier-Welten-Lehre sich in der Kabbala durchsetzte1, andere Weltenreihen aus neuplatonischen Quellen bei einzelnen Kabbalisten Eingang fanden, wo sie nun ebenfalls einer oft sehr wesentlichen Umdeutung unterworfen wurden. Besonders ein in den Schriften des Isaak ben Jakob Kohen erscheinendes Schema weist mit Sicherheit auf Entlehnung aus hebräischen neuplatonischen Quellen hin, die der in diesem Aufsatz aufgedeckten recht nahe gestanden haben müssen: auch bei ihm haben sich die alten Termini עולם המדע und עולם דדצירה (die um 1270 nur noch aus viel älteren hebräischen Uebersetzungen entlehnt werden konnten, da der Sprachgebrauch sich inzwischen geändert hatte) in einem Schema erhalten, das über dem Nus noch eine in Gott ruhende Lichtwelt עולם המתבודד (ebenfalls ein Arabismus!)2 kannte. Ich habe diese Vorstellungen in einer andern Arbeit, auf die hier verwiesen werden muß, untersucht3 und betone nur, daß also gemeinsame. Wurzeln der entsprechenden Spekulationen bei den deutschen Chassidim und manchen spanischen 1 Der ,,Traktat von der Emanation“, in dem diese Lehre vorgetragen wird, ist nicht, wie־ Neumark, Jellinek u. a. annahmen, eines der allerältesten Dokumente der Kabbala, sondern gehört ins 14. Jahrhundert, vergl. meinen Artikel in der Encyclopedia Judaica III, Spalte 801—803. Vor 1270 war die Lehre sicher noch ganz unbekannt. 2 Vergl. meine Arbeit über Isaak hakohen in מדעי ד\ד1ד1ת Band II, speziell S. 278. 3 Die Entwicklung der Weltenspekulation in der älteren Kabbala. Der Aufsatz erscheint hebräisch im zweiten Jahrgang des תרביץ, Heft 4.