Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Reste neuplatonischer Spekulation in der Mystik der deutschen Chassidim und ihre Vermittlung durch Abraham bar Chija
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829979-2836795--50467-2836852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
187 bei Ps.-Saadja, die zweite Welt ausfüllen, womit natürlich die durch die alte Merkaba-Mystik nahegelegte Folge Thron und Engelwelt bestätigt zu werden schien.׳ So führt also eine rudimentäre Ent- Wicklung ganz anders intendierter Gedanken hier zur alt jüdischen Gnosis, die von den deutschen Chassidim ja wieder besonders liebevoll gehegt wurde, zurück. Von der Welt des Intellekts ist kein eigener Inhalt mehr geblieben, und die philosophische Vokabel steht wie ein Gespenst in dem neuen, ins Mythische zurückgebildeten Zusammenhang. Bemerkenswert ist dabei auch, daß die Erklärung des Ps.-Saadja über die verderbte Benennung der ersten Welt 5ולם הטלני erst nach der vollendeten, soeben geschilderten, Auflösung der Welt des Nus bei den Chassidim entstanden sein kann, da sie die veränderte Lokalisation der Engel in der zweiten Welt schon voraussetzt. Die ,,Welt der Seele“ hat schon bei A. b. Ch. den Charakter als Weltseele, den sie in seiner neuplatonischen Quelle besessen haben muß, völlig verloren, und die Chassidim haben seine moraltheologische Deutung unverändert übernommen, wie besonders im Ps.-Saadja klar hervortritt. Die Seele der Gottlosen ist ja eben nichts anderes als die animalische Seele, die sie allein beherrscht. So scheint der Uebergang von A. b. Ch., der nur von der ersteren spricht, zu den Chassidim, die von der Tierseele sprechen, sehr einfach. Die neuplatonische Dreiteilung der Weltseele hat also dabei nicht mitgespielt, welche Möglichkeit wir ohne Kenntnis der Quelle bei A. b. Ch. oben noch in Betracht ziehen durften, die von A. b. Ch. im exegetischen Interesse konstruierte Verbindung des Nus mit der Seele des Frommen durch Emanation des Lichtes ist weggefallen, wenn nicht etwa die schon hervorgehobene Koordination des heiligen Geistes mit der Seele in der sechsten Frage der Baraitha eben durch sie veranlaßt ist, was sehr wohl möglich scheint. Aber nicht nur diese Verbindung, sondern- A. b. Ch.s ganze Umdeutung der Weltseele ist ja eben von dem exegetischen Interesse an dem Dualismus von Licht und Finsternis in der vierten Erwähnung des Wortes Licht in der Genesis veranlaßt, und auch hier ist also der Beweis, daß es sich bei den Chassidim um keine von A. b. Ch.s eigenen exegetischen Motiven unabhängige Paralleltradition handeln kann, mit Sicherheit zu erbringen. Der Anlaß ist vergessen, das nur aus ihm begreifliche Resultat ist in der Form des Zusammentreffens von נשמה und נפש בהמות in dieser Welt geblieben. Genau so verhält es sich nun auch mit der fünften Welt, deren bei den Chassidim so rätselhafte Beziehung auf Paradies und Hölle sich aus Abraham bar Chijas exegetisch bestimmter Umdeutung der ,,Welt der Natur“ einwandfrei erklärt. Dort zog die allegorische Auffassung von Tag und Nacht und ihre Harmonisierung mit der letzten Lichtwelt die Deutung Paradies und Hölle als Konsequenz nach sich, so kühn die Transformierung der neuplatonischen Natur zum Licht der künftigen Welt auch ist, die aus dem geistigen Urbild der materiellen Natur die moralische Oberwelt der Vergeltungslehre macht. Immerhin hat sich in der achten Frage des Josef ben Usiel noch ein Anklang an den ursprünglichen Sinn dieser Stufe erhalten1, 1 Hierbei verstanden die Chassidim den Ausdruck יצירה, natürlich nicht mehr als Terminus technicus für Natur, sondern als Schöpfung schlechthin.