Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Reste neuplatonischer Spekulation in der Mystik der deutschen Chassidim und ihre Vermittlung durch Abraham bar Chija
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 14)
- Language
- German
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185 hier Thron ־and heiligen Geist als die beiden ersten Schöpfungen. Eine Ausnahme macht in dieser Stellung des Throns Saadjas Jezirakommentar, in dessen Kosmogonie der Thron nicht diesen überragenden ersten Platz erhielt. Aber dafür scheint es kaum zweifeihaft, daß die Deutung der zweiten Welt bei Abr. b. Ch. durchaus auf der entsprechenden bei Saadja beruht. Nach der.Urluft, die bei diesem die Stelle der Lichtwelt und des Thrones einnimmt, kommt dort eine ,,zweite Luft“, die ausdrücklich und genau als der Bereich der göttlichen ,,Stimme“ und des ״heiligen Geistes“ (sowie als ״Thron“) beschrieben wird1. Die sonderbare Zweiteilung der einen göttlichen Lichtwelt in unserm Schema entspricht also im Grunde der, nur etwas anders gelagerten, bei Saadja mit seiner ״ersten“ und ״zweiten“ Luft. Was in der pneumatischen Welt ״gehört“ wird, wird in der Lichtwelt geschaut — diese Saadja ganz fernliegende Wendung in der Auffassung A. b. Ch.s beweist einen offensichtlich von neuplatonischer Anschauung (die ״Schau“ als das Höchste, höher als die Audition!) beeinflußten Versuch der selbständigen Umbiegung seiner saadjanischen Quelle. Die Deutung der Lichtwelt als Thron, im Sinne der jüdischen Mystik, paßt nicht ganz in deren vorangeschickte Beschreibung, und wird in der Tat als neues Motiv ״im Sinne unserer Weisen“ besonders erwähnt, wenn sie auch dem Sinn nach durchaus konsequent ist. Die Abhängigkeit der Tradition bei den deutschen Chassidim von Abraham bar Chi ja zeigt sich nun schon bei diesen zwei ersten Welten zwingend, und zwar in der Linie eines ausgesprochenen Verfalls der neuplatonischen Elemente und einer Verbindung ihrer Rudimente mit ganz anderen Ideen. Von der Lichtwelt als Ort der höchsten Entrückung ist hier eben nur noch die herangehängte Umdeutung auf den Thron als einziges ursprüngliches Motiv übriggeblieben, zu dem die Spekulationen über Ma'on und den Cherub nun hinzugetreten sind. Ja mehr noch: während sich im Pseudo-Saadja die Deutung der zweiten Welt, von der nur der Name geblieben ist, ganz verloren hat (wie auch bei Elasar von Worms), hat sich in der Baraitha in der Tat ebenfalls die bei Abraham b. Chi ja gegebene ״rabbinische“ Charakterisierung in leichter Umbenennung erhalten, aber der (im Sinn midraschischer Traditionen) zum ״Geist Gottes“ in Gen :^gewordene ״heilige Geist“ hat seine Stelle getauscht und ist aus der bei Abr. b. Ch. durch die saadjanische Konzeption konsequent bestimmten zweiten Stelle wieder an die erste getreten, wie die erste Frage bei Josef ben Usiel beweist. Diese Veränderung wird sich durch die bei den neuen Trägem dieser Tradition sehr verständliche Rückkehr zum Wortlaut des Buchs Jezira mit seinem Geist Gottes als oberster Sephira erklären. Wo weder mehr ein Bewußtsein der systematischen Absicht der Konstruktion Saadjas noch eines von den die Folge von Licht und Stimme bei A. b. Ch. bestimmenden Motiven lebendig war, konnte diese Anordnung, deren ratio verschwunden war, leicht zu- 1 Saadja zu Jezira Kap. 4 seiner Rezension, vergl. auch den hebräischen Text in den Anmerkungen Kaufmanns zur Edition von Juda ben Barsilajs Kommentar (1885) S. 340—342. Französisch bei Lambert S. 91—95. Daß diese Stimme auch die ist, welche die Engel vernehmen, sagt ausdrücklich auch Juda ben Barsiläj S. 178.