Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Reste neuplatonischer Spekulation in der Mystik der deutschen Chassidim und ihre Vermittlung durch Abraham bar Chija
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 8)
- Language
- German
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179 Seele hier lokalisiert, die moralische Nuance freilich, mit der dieser ]Begriff bei Fs.-Saadja auftritt, fehlt mit Recht in der nur ontölogischen Folge der Fragen in der Baraithä. Ob hier eine Reminiszenz an die bei so vielen Neuplatonikern gelehrte Dreiteilung der Ernanationsstufe der Seele entsprechend ihrer psychologischen Dreiteilung vorliegt, bei der nur die dritte Stufe, die vegetabilische Seele, ausgefallen ist? Jedenfalls ist im Ps.-Saadja wie bei Elasar von Worms dieser Gedankengang schon ganz homiletisierend ins Moralische gewendet: das Rot der Sünde und das der animalischen Seele entsprechen sich. Der Terminus צולם היצירה für die ״Welt der Natur“ der Neuplatoniker entspricht nur einem auch sonst oft begegnenden Sprachgebrauch von 1יצירה. Was Ps.-Saadja dazu erklärt, nimmt sich freilich rätselhaft genug aus, wird aber durch die Fragen der Baraitha schon etwas deutlicher. Die 8. Frage nach dem ״Universum“ הצולם כלו läßt sich ohne Schwierigkeit als Abwandelung aus der neuplatonischen, an diese Stelle gehörigen Frage nach dem geistigen Wesen der ״Natur“ verstehen, die nun in den letzten beiden Fragen, die allein im Text des Ps.-Saadja ihren Niederschlag gefunden haben, ins Rein-Theologische hinüberwechselt. Aus der geistigen Emanationsstufe ״Natur“ ist hier die ״Oberwelt“ des Gan Eden mit ihrem Widerpart geworden, eine in nur von religiösen Interessen geleiteten Kreisen nicht so unbegreifliche Theologisierung des philosophischen Begriffs, der hier kein Leben bewies. So löst sich also aus der schärferen Analyse dieser beiden Ausgestaltungen der gleichen Traditionen eine neuplatonisches Gedankengut verwertende Anschauung heraus, die die besprochenen Stücke uns aber schon in vollem Verfall zeigen. Nichts weist mehr darauf hin, daß der Kompilator des Ps.-Saadja oder die andern Autoren noch ein Bewußtsein des Ursprunges oder der eigentlichen Intention des von ihnen in eine fast nicht wiederzuerkennende Weltenmythologie verwandelten Schemas besessen hätten, und unklar müßte es hiernach bleiben, wie die beiden ersten Welten in diese enge Gemeinschaft mit der plotinischen Emanationstrias gekommen sind. Hier nun führt uns die Entdeckung weiter, die uns diese ganze Tradition in einem noch reineren und früheren Stadium, ja in ihrem Ursprung, außerhalb der ״deutschen Kabbala“ zeigt und die interessantesten Bestätigungen und weiteren Aufschlüsse über den Sinn dieser Traditionen liefert. In dem zwischen 1120 und 1130 verfaßten großen Werk Megillath ha-Megalleh des bekannten jüdischen Neuplatonikers und Astrologen Abraham bar Chija, das uns seit 1924 endlich im Druck vorliegt2, findet sich dies ganze hier zur Frage stehende Weltenschema, und es ist lohnend, diese Stelle hier in extenso deutsch wiederzugeben. Ihre Verbindung mit den deutschen Chassidim ist begreiflicherweise den beiden hochverdienten Herausgebern des 1 Vergl. die zahlreichen Belege bei Klatzkin a. a. 0. II 47 und Malters Aufsatz über die hebräischen Termini für Natur in Judaica, Festschrift für Hermann Cohen S. 253. 2 Herausgegeben von A. Poznanski und Julius Guttmann. Das Abfassungsdatum nach Guttmanns Einleitung S. X. Das Buch ist inzwischen auch schon von J. Milläs ins Katalanische übersetzt worden (Barcelona 1929). Vergl. Jacob Guttmanns Arbeit über das Buch in dieser Monatsschrift Jahrg. 42. 12*