Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Neue jiddische Literatur [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
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170 In der Frage des jüdischen Bildungswesens in Rußland in der zweiten Hälfte der Regierungszeit Nikolaus I. will H. Alexandrow einige Momente auf hellen. Er benutzt dazu die veröffentlichten Materialien aus dem Archiv des Ministeriums für Volksbildung1. Richtig wird darauf hingewiesen, daß der Kampf gegen die moderne Schule auch eine rein materielle Seite hatte, da die ,,Melamdim“ ihr Brot verlieren mußten. Im allgemeinen bereichert die Arbeit das Problem nicht sehr bedeutend und man hätte oft die Linien der einzelnen Tatsachen weiter verfolgen können. So ist die Forderung einiger ,,Masskilim“, daß neben der Kulturreform auch Reformen wirtschaftlichen und politischen Charakters erfolgen sollten, nicht auf die zwei dort angeführten Aufklärer (Seite 36) begrenzt. Vielmehr verbanden überall die materiell besser Situierten (Großkaufleute, Industrielle u. a.) mit der Aufklärung die bürgerliche Emanzipation, dagegen genügte für die geistigen ,,Masskilim“ (Schriftsteller, Dichter usw.) die kulturelle Aufklärung selbst2. Eine Gruppe junger jüdischer Historiker in Polen hat zwei Hefte ihrer Beiträge erscheinen lassen3 (1נגער היפטאריקער\ Warschau 1928/9). Dr. R. Mahler versucht in einer Arbeit Ach ad Haams (N. Ginsburg) Philosophiederj üdischen Geschichte zu analysieren und die Quellen nachzuweisen. Mehrere Erscheinungen, die A. H. als spezifisch jüdisch ansieht, will M. durch Analogien auch bei Nichtjuden finden. Als Hauptquellen werden Hegel, Krochmal hervorgehoben. In einer zweiten Arbeit behandelt M. die Statistik der Juden in der Lubliner Wojewodschaft nach der Zählung vom Jahre 1764/5. Verf. verhält sich den Angaben der Listen gegenüber kritisch und versucht möglichst den faktischen Zustand herauszuarbeiten. Aber schon aus diesem Grunde hätte er sich nicht bloß mit der Zählung von 1764/5 begnügen dürfen, sondern auch die Listen der späteren Zählungen (bis 1784) heranziehen müssen. Außerdem hat in der Zwischenzeit eine Abwanderung von der Stadt in das Dorf eingesetzt4 und die Angaben von 1764/5 sind somit für die spätere Zeit nicht mehr maßgebend. Die Behauptung, daß frühe Heiraten (im Alter von 11 Jahren), wie Salomon Maimon in seiner Autobiographie erzählt, selten gewesen sein müssen, ist durch nichts begründet. Im Gegenteil wird in einer Zählung in Südpolen aus ungefähr derselben Zeit sogar eine verheiratete Frau von S Jahren angeführt5. Dr. E. Ringelblum gibt hier weitere Teile seiner interessanten Arbeit über Juden in Warschau und in Mas o w i e n im Mittelalter. L. Z o m b e r benutzte zu seinem Beitrag über einen V e r - such der preußischen Regierung zur Kolonisierung der Juden in Polen die im Warschauer Archiv 1 Kazemnyja evrejskija ucilisca. Petersburg 1920. 2 Genaueres darüber im Kapitel VIII meiner Arbeit: Die wirtseh. und sozial. Voraussetzungen der Aufklärungsbewegung bei den Juden in Rußland und Polen. 3 H. 2 ist Dr. J. Schipper zum 25 jährigen Jubiläum seiner Wissenschaftliehen Tätigkeit gewidmet. 4 S. Dubnow: Weltgeschichte des jüdischen Volkes VIII, S. 38. 5 Archiv Jugo-Zapadnoj Rossii V 2, S. 14.