Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
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95 auf. den durch das reformato rische Zenlraldogma beschriebenen Vorgang, interessant ist, was Duhm in diesem Zusammenhang vom Judentum sagt. Zu alttestamentlich nennt er diese Entfernung Gottes vom Menschen und doch nicht alttestamentlich genug. Denn das Gottgefühl Alt-Israels sei so >veit gewesen,, nicht nur die schönen Wunder der Schöpfung, sondern in religiösen Gesetzen auch die Tiere in die große göttliche Liebe einzuschließen. Freilich fehlt nicht die für den protestantischen Standpunkt bezeichnende Bemerkung über die kasuistische Gesetzlichkeit des Judentums, die der einstigen Lebensweite entgegenwirkt, während wir Juden meinen, daß umgekehrt durch das Gesetz, das allumspannende, das ganze Leben in die Religion einbezogen werden soll. Dabei weiß Duhm sehr wohl, daß das Gesetz auch einen höheren, optimistischeren Sinn haben kann: ,,nicht als Stein des Anstoßens und des Fallens, sondern als Beweis, daß Gott den Menschen seiner richtungweisenden Führung würdigt, bin zu immer größerer Gottesebenbildlichkeit“. Was ist nun das Gotteswort, das der Prediger kündet? Ist es Gottes Wort? Ganz abgesehen von der Vermenschlichung Gottes, die in diesem Ausdruck liegt, ist es ja nicht das offenbarte Urwort, sondern das durch Niederschrift und Abschrift, Ueberlieferung und vielleicht noch liebersetzung auf uns gekommene Schriftwort. Als seine Hüter mögen die Priester und Schriftgelehrten von jeher gelten. Aber eben das qualifiziert sie noch nicht zu, Vermittlern ursprünglicher göttlicher Offenbarung, kann doch diese? immer wieder auch außerhalb der ״Hl. Schrift“ Begnadeten zuteil werden. Es muß daher die Aufgabe des Predigers in diesem Doppelten bestehen: in der Bereitschaft zum etwaigen Empfang neuer Offenbarung und dem mögliebsten Hindurchdringen durch die Vermenschlichungen einstigen Gottes- Wortes zurück bis zur letzten Gottesnähe. Die Predigt soll ״das Bemühen eines Mensche n“ sein, also ist nicht nur Gott, sondern auch der Mensch und seine Mitwirkung notwendig, um die Gemeinde am Worte Gottes innerlich teilhaben zu lassen. Die Predigt wird schwerlich ein Wort von Gott an uns, sie wird vielmehr das Wort des Menschen über Gott darbieten. Bei diesem Wort handelt es sich viel weniger um das Sein und Leben Gottes als vielmehr um seinen Willen an uns. Im Worte Gottes, nämlich notgedrungen dem Schriftwort, soll der Prediger den Gott des Wortes der Kultgemeinde vergegenwärtigen. Die Aufgabe des Predigers ist somit nach Duhm: ,,Gott und Menschen nach unzähligen, täglich neuen Entfremdungen immer wieder zueinander zu bringen, dadurch, daß er aus halberstorbenem Gotteswort (Schriftwort) den lebendigen Gotteswillen wieder herausspürt und damit das Begehren der nach Gott verlangenden Gemeinde stillt.“ Wenn aber der Wille Gottes an uns der Gegenstand der Wortverkündigung ist, dann stellen wir also doch das Gotteswort in den Dienst des Menschen. Dann ist die eben erst wieder von Niebergall so wirksam vertretene Anschauung von der Predigt als einer erziehenden oder helfenden gerechtfertigt. Daneben besteht freilich auch die ״darstellende“ Predigt, wie sie Schleiermacher und seine Schlier bis heute vertreten, zu Recht. Auch Duhm erblickt wie Niebergall in der Predigt Mittelpunkt und Gipfel des protestantischen Gottesdienstes. Hiermit und mit der menschlich irdischen Bedeutung, die er Jesus von Nazareth im großen Kosmos zuweist, steht es uns nicht an uns auseinanderzusetzen. Im Ganzen wird der jüdische Theologe Duhms stilistisch etwas schwierige, aber überaus gedankenvolle Schrift mit großem Gewinn und freudiger Zustimmung־ lesen.