Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 16)
- Language
- German
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96 Achtzehn Predigten you David Ka1ü'mann1 aus seinem Nachlaß von seinen Schülern und Nachfolgern im Amt des Lehrers an der Landesrabbinerschule in Budapest, Ludwig Blau und Max Weiß, soeben herausgegeben, sind ein Dokument pietätvoller Dankbarkeit. Was der viel zu früh dem Leben und der Wissenschaft entrissene vielseitige Forscher seinem Lehrer der Homiletik David Rosin nachrühmte, nehmen wir staunend auch an ihm wahr: ,,wie der Redner den Schriftgelehrten ablöst, der Philologe im Theologen und der Wortforscher im Schriftdeuter“ aufgeht. Br selbst hat als Lehrer der Homiletik immer die Ansicht verfochten, daß die Predigt als Erklärung des verlesenen Gotteswortes zu gelten hat. ln den sieben Festpredigten in den Berliner Gemeinde-Synagogen, die Kaufmann selbst veröffentlicht hat, sowie in den Proben, die seine Gesammelten Schriften von seiner Kanzelberedsamlceit enthalten, ist er diesem Grundsatz bis zu dem Grade treu geblieben, daß er keine Predigt ohne Text, und Text aus dem eben verlesenen Schriftabschnitt, gehalten hat. Aber die Ausführung entspricht doch wohl schwerlich mehr unserem heutigen Geschmack; die Länge seiner Predigt und insbesondere ihrer Einleitung, die mangelnde Klarheit in der Durchführung eines Themas (bezeichnenderweise ist nur bei einem Drittel der hier veröffentlichten Predigten das Thema angegeben), die Unterbrechung des Textes durch häufige, übrigens fast ausschließlich biblische Zitate, zeugen doch von einer schon etwas veralteten Predigtweise. Was uns fehlt, ist nach dem oben Ausgefübrten einmal die Lebensnähe; der Prediger bewegt sich in zu allgemeinen Gedanken, der Klage und der Anklage auf der einen Seite steht zumeist unvermittelt das Ideal auf der andern gegenüber; und nur, wo Zeitereignisse die Welt oder wenigstens die jüdische Welt besonders stark aufrütteln, wie zur Zeit des Ritualmordprozesses von Tisza Eszlar und der darauffolgenden Hochflut des Antisemitismus, steigt er in die ,,Niederungen“ der Wirklichkeit herabi . Zum zweiten ist der Stil für unseren auf Sachlichkeit eingestellten Sinn nicht schlicht genug; die Häufung von Bildern, die an sich schön sein mögen, die wiederholten Apostrophierungen erinnern uns zu sehr an die Kanzelberedsamkeit vergangener Zeiten. Aber es fragt sich, ob wir hier nicht einseitig als Deutsche urteilen, während dem Ungarn, ähnlich wie dem Franzosen oder dem Polen, seine Sprache ein anderes stilistisches Gefühl eingibt. Bedauerlich ist, daß die Herausgeber bei aller Sorgfalt, die sie auf eine schöne Ausstattung der Predigtsammlung verwenden, nicht nur vielfach veraltete deutsche Orthographie beibehalten, sondern auch zahlreiche Druckfehler, zumal in den hebräischen Zitaten, stehen ließen. Auch will es uns scheinen, daß bei aller Pietät offenbare Schreibfehler des Manuskriptes hätten korrigiert werden sollen. Trotz dieser Ausstellung wird man ihnen dafür dankbar sein, daß sie diese Früchte des Geistes wie des Herzens eines der führenden Männer der Wissenschaft des Judentums und eines der Edelsten unsrer Gemeinschaft der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten haben. Von der Wahrhaftigkeit und von dem Adel der Gesinnung, von denen dieser Prediger erfüllt war, verspürt noch heute, nach fünfzig Jahren, der Leser einen Hauch.