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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 94

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 94 (sequence 14)
Language
German
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94 aber auch nicht unterschätzt werden. Sie hat sich nicht nur im liberalen, sondern gegen alle Widerstände auch im orthodoxen Gottesdienst1 durchgesetzt. In einer Zeit, in der die Religion ihre unmittelbare Anziehungskraft in weitesten Kreisen auch des Judentums eingebüßt hat, in der die Heiligung des Sabbats (und an ihr hängt viel eher die Zukunft von Synagoge und Gottesdienst) praktisch 30 unendlich erschwert ist, mag die Predigt erhöhte Wichtigkeit haben2. Darum und weil sie in einen Gottesdienst von so erhabenen Gebeten, unmittelbar hinter Thora- und Prophetenverlesung gestellt ist, sollte der Rabbiner, so oft er die Kanzel besteigt, nein, längst vorher, wenn er seine Predigt vorbereitet, sich klar bewußt sein: ,,Wisse, vor wem du stehst“. Nachträglich sind dem Verfasser zwei Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Predigt zugegangen, die das Gesagte zu illustrieren geeignet sind. Andreas Duhm, setzt sich in einer Broschüre;«Das Woit Gottes im Gottesdienst״ mit der von Niebergall als ״nachmodern“ bezeichneten Predigt der dialektischen Theologie und weiterhin mit der protestantischen Theologie der Gegenwart überhaupt auseinander. Diese Theologie hat fraglos ihr Gutes. Sie lehrt gegenüber dem allzu nahen Gott, zu dem der Mensch in einer ״unverschämten Vertraulichkeit“ steht, den fernen Gott, der uns immer der rätselhafte und verborgene bleiben muß. Nur gegen ihre Ueber־ treibung in Theorie und Praxis, nur gegen ihren einseitigen ,,TheoZentrismus“־ an Stelle des früheren ״Anthropozentrismus“ wendet sich, wie uns scheint mit guten Gründen, der Verfasser. Br geht von der Definition Fezers in dessen Schrift ״Das Wort Gottes und die Predigt“ aus: ״Die Predigt ist das Bemühen eines Menschen, durch freie Rede dazu mitzuwirken, daß der im Schriftwort uns seine Gemeinschaft schenkende Gott einem Kreis von andern Menschen gemeinsam durch den Heiligen Geist gegenwärtig Werde.“ Wer ist der Gott, dessen Wort die Predigt uns verkündet? Wir sprechen von ihm immer noch, als wäre er nur der Gott der Erde und des Himmels und nicht der Gott des unendlichen Weltalls, in welchem unsere Erde nur ein Atom ist. Aber es ist ja auch nicht anders möglich, als daß wir Menschen dieser Erde von uns aus die Welt und Gott, also anthropozentrisch und nicht theozentrisch denken. Die christliche Kirche hat die Religion, die einstmals das ganze Leben umfaßte, auf das enge Gebiet der Sünde des Menschen und der Gnade in Christo beschränkt. Was dadurch an Intensität gewonnen wird, geht an Extensität verloren. Natur, Kunst, Wissenschaft, die gesamte Kultur werden säkularisiert. Gott ist schließlich nur durch die Kirche zu erreichen, aber durch die Verkirchlichung Gottes ist eine Entkirchlichung großer Massen erfolgt. Die Kluft zwischen Gott und Mensch ist ungeheuer erweitert. Ueber den Glauben an Gott ist der Glaube an den Menschen zu kurz gekommen. Wenn Rom die Gemeinschaft des Menschen mit Gott und Gottes Verkehr mit den Menschen auf die Zugehörigkeit zur Kirche beschränkt, so Wittenberg 1 Wie tief selbst ein .Sah Breuer von der Bedeutung der Kanzelrede durchdrungen war, lese man in dem Vorwort zum kürzlich erschienenen 1. Band seiner Predigten (,,Belehrung u. Mahnung“) nach, die freilich bei allem Geist nur das alte ״Maggidus“ fortsetzen. 2 So L. Philippson a. a. O. S. 96.

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