Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
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93 Prediger ,,haben allen Grund, uns auf das Wie zu besinnen, in dem wir unsern Stoff vortragen, denn die Form ist für den Hörer noch wichtiger als für den Leser**. Selbst die jüdische Orthodoxie legt Wert auf die Form, wenn sie ,,die schöne Form, die das ästhetische Lustgefühl erregt, heute für unbedingt erforderlich**1 erklärt. Der Begriff des Schönen ist. dabei freilich dem Zeitgeschmack unterworfen. Schon Philippson warnte vor dem salbungsreichen Kanzelton2 (er ist heute gewiß noch um vieles unerträglicher geworden) und vor windigen Begründungen, Kurzschlüssen und unerfüllbaren Forderungen, vor jener ,,erbaulichen" Stimmungsmache, die Goethe als narkotische Predigt3 bezeichnet. Es genügt nicht, daß der Prediger über die sittliche Entartung und die religiöse Gleichgültigkeit der Gegenwart klagt und ihnen das biblische Ideal gegenüberstellt; er muß auch klar und deutlich zeigen, wie der Weg aus dieser Gegenwart zu jenem Ideale führt. Daß er kurz predigen muß, sollte auch der jüdische Prediger sich immer wieder einprägen, gerade er, denn seine Zuhörerschaft ist noch nervöser als die nichtjüdische. Auf der andern Seite ,,begegnen wir der Nervosität der Gemeinde am besten durch eine ruhige, klare, zusammenhängende Art, wollen wir den Leuten mitten in der Hetze des Lebens Ruhepunkt und Feierstunde gewähren**4. Den Stil der Predigt wird schließlich die Persönlichkeit machen; die Hauptsache ist, daß es ihr eigener Stil ist, ,,Worte, die aus dem Herzen kommen und darum zu Herzen gehen**. Dabei sei angemerkt, daß die jüdische Predigt nicht Individualpredigt5 sein, daß die Person des Predigers, das Ich, hinter der Sache gänzlich zurücktreten soll. Aus diesem Grunde halten wir auch das persönliche Gebet des Rabbiners am Ende oder gar am Anfang seiner Predigt für,eine dem jüdischen Charakter derselben widerstrebende Entlehnung. Den Schluß Niebergalls, daß die Zukunft der Kirche an der Predigt hänge, können wir auf unsre Synagogen nicht übertragen. Er wird schon in protestantischen Kreisen angefochten,. wo seit Jahren eine Bewegung zur Einschränkung der Predigt gegenüber dem Kultus sich bemerkbar macht. Wir sind nicht Maybaums Ansicht6, daß der Rabbiner den größten Teil seiner Zeit und Kraft der Predigt widmen solle. Wir meinen vielmehr, daß sie n u r ein Mittel unter anderen ist, um die Gemeinde in religiösem Sinne zu erziehen7. Als Mittel darf sie nicht überschätzt und übertrieben werden — allzu häufiges Predigen würde die Besucher der Gotteshäuser zugleich verwöhnen und abstumpfen, den Prediger aber mit geistiger Verflachung bedrohen, es sei denn, daß sich eine häufigere kurze Schrifterklärung einbürgert, die sich dann aber auch wirklich auf die Wiedergabe und schlichte Erklärung des vorgelesenen Thoraabschnitts beschränkt. Wiederum soll die Predigt 1 Wohlgemuth a. a. O. S. 28. 2 A. a. O. S. 88. 3 Gottasche Jubiläumsausgabe, Bd. 38, S. 211. 4 Niebergall, Zeitschrift f. Theologie u. Kirche XV 3, S. 263. 5 Philippson a. a. O. S. 2ל f. 6 A. a. O. S. 182. 7 So Wohlgemut!! a. a. O. S. 27.