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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 92

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
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92 fremden Gestade aussetzt“1. Es versteht sich, daß er im Amte nun erst recht durch Unterricht, durch persönliche Anteilnahme am Schicksal der einzelnen Gemeindemitglieder, durch seelsorgerische und soziale Tätigkeit mit dem wirklichen Leben stets in engster Fühlung bleibe. In dieser Forderung der Lebensnähe des Predigers können wir der modernen protestantischen Theologie nur durchaus zustimmen. Auch darüber gibt es keine Meinungsverschiedenheit,, daß wie beim Lehrer so auch beim Prediger letzten Endes die Persönlichkeit entscheidet. Wenn man dem Mann nicht glaubt, daßer selbst mit allen Kräften zu leben bestrebt ist, was er lehrt, dann verfehlen auch die geistreichsten, kunst- und schwungvollsten Predigten ihre Wirkung. Aus dem Gesagten läßt sich Inhalt und Gestalt der jüdischen Predigt leicht ableiten. Sie ist im Grunde Erklärung der Schrift. Aber was sie von der bloßen Schrifterklärung unterscheidet, ist deren Anwendung auf die Zustände und Verhältnisse der Gegenwart, um das praktische Leben in innigeren Zusammenhang mit der Religion zu bringen. Das hat schon die ältere jüdische Homiletik erkannt2, aber in einer Zeit wie die unsere ist die Pflicht des Predigers noch dringender geworden, auf die äußere und die innere Not des heutigen Menschen, auf seine sittlichen und religiösen Fragen, Zweifel und Konflikte einzugehen. Aktualität ist so von der Predigt zu fordern. Nur ist auch hier• vor der Gefahr zu warnen, die in einer gewollten und gesuchten Aktualität, in der Aktualität der Tagespresse liegt3. Aber selbst ein orthodoxer Rabbiner unserer Tage wird das aktuelle Thema etwa des Geburtenrückgangs zum Thema einer Predigt zu machen für nicht zu ״profan“ erachten. Im übrigen wird die Predigt sich nach der Eigenart der Gemeinde zu richten haben, die im Norden unseres Vaterlandes anders als im Süden, im Osten anders als im Westen ist. Eine realistische Erfassung der Me nschen, die er vor sich hat, ist für den modernen Prediger in jedem Fall notwendig. Und so wenig er dem ,.modernen Menschen nachschmachten und ihn mit Opfern an Wahrheit und Wahrhaftigkeit hereinnötigen darf“4, so sehr jeder sich treu bleiben muß und ,,um der Leute willen nichts annehmen und ablegen soll, was ihn in seinem Gewissen bedrücken kann“5, so notwendig ist es doch, daß er es dem Zuhörer in einer Form bietet, die dieser besser, versteht und die ihn mehr interessiert. ,,Das Beste sagen und dieses Beste dennoch so sagen, daß nicht bloß die Besten es verstehen“, ist die goldene Regel, die Joel6 aufs teilt. Und schon er warnt vor einer verstiegenen Kanzelsprache, wenn er sagt: ״Reden wir von Göttlichem, aber reden wir menschlich“7. Auch wir jüdischen 1 Maybaums Rat (Homiletik S. 181), daß der junge Rabbiner erst in einer kleineren Gemeinde amtieren solle, ist gut, nur zur Zeit schwer zu befolgen. 2 Maybaum a. a. 0. S. 38. 3 Siehe darüber das scharfe, aber beherzigenswerte Urteil eines allgemein und jüdisch so durchgebildeten Zuhörers wie Franz Rosen zweig: Zweistrom* land S. 83. 4 Niebergali, Zeitschrift f. Theologie u. Kirche XV3, S. 242. 5 Ib. S. 262. 6 Festpredigten 1867, S. X. 7 A. a. O. S. XV.

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