Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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91 erhoben, ist nicht Verwalter von Sakramenten. Er ist der Lehrer seiner Gemeinde, übt also einen Beruf aus, den grundsätzlich bei gleichem Wissen und gleicher religiöser Lebensführung jeder in der Gemeinde ausüben könnte. Wenn er, wie der ,,Prediger'4 der jüdischen Reformgemeinde, zugleich als Vorbeter und Vorleser fungiert, so ist das ein Abbiegen nach der protestantischen Seite. Der Rabbiner ist Lehrer. Als solcher hat er seine Gemeinde zunächst in religiösem Wissen zu unterweisen. Das wird ihm wie jedem Lehrer nur gelingen, wenn er Ideenassoziationen bei seinen Zuhörern schaffen kann. Eine Predigt, die sozusagen im leeren Raume schwebt, ohne Verknüpfung mit vorhandenen Vorstellungen, Anschauungen und Begriffen, wird vom Geist nicht aufgenommen. Schon daraus folgt, daß der Rabbiner eine gute Kenntnis der geistigen Voraussetzungen seiner Gemeinde haben muß. Aber es geht nicht um bloßes religiöses Wissen. Wenn schon die Schule heute längst nicht mehr in der Vermittlung von totem Wissen, sondern in der Durchbildung und Erziehung des ganzen Menschen ihren Zweck erkannt hat, wie sollte *es die Predigt nicht? Zum Verstände und zum Gefühle soll sie sprechen, aber ihr Ziel ist doch, den Willen zu beeinflussen, damit die Gemeinde draußen die Religion verkörpere. Wenn Niebergall von der modernen Predigt sagt, sie wolle nicht Schrift auslegen, sondern Leben gestalten1, so möchten wir in der jüdischen Predigt beides miteinander verbunden wissen. Der Rabbiner muß also auch der religiöse Erzieher und Führer seiner Gemeinde sein. Freilich, eine wichtige Forderung der modernen Schule läßt sich in der Predigt nicht erfüllen: sie kann nicht gut Arbeitsgemeinschaft sein; das ,,Lernen44 im alten jüdischen Sinn hat vor oder nach dem Gottesdienst seine Stelle. So ist sie notgedrungen einseitige Belehrung. Die Gefahr, die darin für den Prediger selber liegt, wenn er von der einsamen Höhe der Kanzel zu schweigenden Zuhörern spricht, hat Franz Rosenzweig2 scharf beleuchtet. Eine Art Ersatz für den fehlenden Mitunterredner könnte in Aussprachen über die Predigt, in schriftlichen Aeußerungen der Zuhörer, in religiösen Kursen, wie sie der Rabbiner mancherorts mit Erwachsenen hält, gefunden werden. Unerläßlich ist für alle Fälle, daß er eine entsprechende Vorbildung mit ins Amt bringt. Eine theoretische Vorbildung, die mit der gründlichsten theologischen Schulung ein Universitäts- Studium verbindet, nicht mehr wie früher der semitischen Sprachen, sondern vornehmlich der Philosophie und der Geschichte3, der Soziologie und Volkswirtschaft. Eine praktische Vorbildung: der Kandidat muß, um auf Menschen zu wirken, die Wirklichkeit, muß Leben, Welt und Menschen psychologisch viel besser erfassen lernen, muß durch Jugendunterricht, soziale Tätigkeit und durch ein obligatorisches ,,praktisches Jahr44, etwa als Adjunkt eines Gemeinderabbiners, sich praktisch auf sein Amt vorbereiten, damit er in dieses nicht entlassen werde, ,,wie man jemanden an einem ganz 1 Zeitschrift f. Theologie 11. Kirche XV 3, S. 240. 2 Zweistromland S. 83 ff. a Was schon Maybanm ,,Jiid. Homiletik“ S. 1לל fordert.