Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829978-2836660--50336-2836708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 die Menschenseele und ihren Gott, nicht zuvörderst um Glauben, Sünde, Gnade und Erlösung, sondern um Thora, d. h. die ״Weisung“, wie die religiösen Wahrheiten bewährt, die Lehren gelebt werden können und sollen in einer die ganze Wirklichkeit des Menschen umfassenden und erfüllenden Heiligung. Es geht nicht um das Leben des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft, deren dienendes Glied er ist. Nicht ein Mensch wird darum als Ideal vor uns hingestellt, es wird die Geschichte eines Volkes dargestellt, das einstmals zum Reich von Priestern auserwählt, als ewiges Volk unter den Völkern der Welt seinen besonderen, leidensvollen Weg bis ans Ende der Weltgeschichte vorbildlich zu wandeln bestimmt ist. Nicht eine Institution wie die Kirche, sondern eine wirkliche, lebendige Gemeinschaft ist Träger und Künder göttlicher Gedanken und Gebote und ihre Verleiblichung zugleich. Aus der unvergleichlich reichen Geistesgeschichte, biblischer und nachbiblischer, aus ihrem unerhört breiten und tiefen Schrifttum, nicht am wenigsten ihrer Midraschd. h. Predigtliteratur schöpft der jüdische Prediger, wenn er seine Gemeinde belehrt. Das ist’s, was seiner Predigt den Zug zum Konkreten verleiht und sie einbettet in den Strom der Jahrtausende Damit ist bereits der charakteristische Unterschied auch zwischen der jüdischen und der christlichen Gemeinde bezeichnet. Diese hält lediglich der Glaube zusammen, jene als lebendige Zelle des jüdischen Organismus auch dessen Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Andere, mehr äußerliche Momente kommen hinzu. In Westeuropa und Amerika fast ausschließlich Stadt- und Groß- Stadtbewohner, teilen die Juden deren allgemeine Vorzüge und Fehler, nur noch in höherem Grade, da sie viel länger von Acker und Dorf losgelöst sind. Sie sind noch nervöser und ungeduldiger, anspruchsvoller und kritischer als die andern. Wiederum sind sie doch nicht bloß Zuhörerschaft oder Personalgemeinde ihrer Prediger im Sinne der modernen protestantischen. Dazu sind die jüdischen Gemeinden Deutschlands, mit Ausnahme von Berlin, das freilich den dritten Teil von ihnen faßt, nicht groß genug. Zählt eine nach tausenden, so hat sie zwar mehrere Synagogen und Rabbiner, aber nach orthodoxem und liberalem Ritus getrennt; ist sie kleiner, so hat sie nur die eine Synagoge und den einen Rabbiner. Es kommt hinzu, daß die Standesunterschiede nur gering sind. Die deutschen Juden gehören (oder gehörten) im allgemeinen dem Bürgerstande an. So kennen die meisten Mitglieder einer Gemeinde einander, sie bilden eine K’hilla, ihr Rabbiner kennt sie, oder sie kennen doch ihn. Freilich tauchen durch das Anwachsen eines jüdischen Proletariats und das Ansclrwellen von Gemeinden zu unübersehbarem Umfang neue Probleme auf, die neue Lösungen verlangen1. Wenn Schleiermacher die Predigt eine Synthese von Prediger, Text und Gemeinde nennt, so läßt sich auch diese Formel auf die jüdische Predigt nicht einfach übertragen. Der jüdische Prediger ist Rabbiner, nicht Prediger. Er ist nicht der Pastor oder der Pfarrer, ist nicht durch Weihen zum ״Geistlichen“ über die ״Laien“ 1 Vgl. den lehrreichen Aufsatz von L. Baeck im ,,Morgen“, V. Jahrg\, Heft 6: ,,Gemeinde in der Großstadt“.