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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 89

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
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89 erfüllt. Hier ist darum Gottesdienst nur ein zeitlich und räumlich begrenzter Teil eines allgemeinen und steten Gottdienens. Des Weiteren ist der öffentliche jüdische Gottesdienst stets einer der Gemeinde. Statt des Ich betet fast ausnahmslos ein Wir. Auch das macht einen Unterschied, daß unsere Liturgie in schlichten gedankenvollen Gebeten aus den verschiedensten Zeiten unserer Geschichte besteht, in deren Sprache, Laut und Rhythmus, da wir sie auch heute noch überwiegend hebräisch beten, viel Unwägbares, aber für das Gefühl Gewichtiges mitschwingt. Das Entscheidende ist aber doch wohl, daß der jüdische Gottesdienst nicht allein und nicht einmal in erster Linie dem gemeinsamen Beten, sondern dem gemeinsamen Lernen gilt, während der protestantische in Kultus und Anbetung sich erschöpft. Ist darum die Predigt so recht die Seele der protestantischen Andacht, das Kernstück, für das Gebete und Choräle nur die Umrahmung bilden, so folgt schon hieraus, daß sie einen wesentlich anderen Charakter haben muß als die jüdische. Im Mittelpunkt jeder jüdischen Hauptandacht steht die Verlesung eines Thora- und eines Prophetenabschnittes. An diese Verlesung, die eine Belehrung, ein Lernen ist, an dem die Gemeinde aktiven Anteil nimmt, schließt sich zeitlich und inhaltlich die Predigt an. Sie mag ,,das bewegliche Element in dem festen Gefüge der ׳Liturgie"? sein. Sie aber die Seele jedes jüdischen Gottesdienstes zu nennen, der von ihr seine Weihe und seine Bedeutung erhalte1 2, das scheint uns. schon mit der Tatsache unvereinbar, daß es zwar keinen protestantischen Gottesdienst, sehr wohl aber einen jüdischen ohne Predigt gibt3. Die jüdische Predigt i s t ihremür- Sprung und Wesen nach eine Erklärung und Auslegung der Thora, eine Art Kommentar zum eben vorgetragenen ,,Wochenabschnitt“4. Es ist darum nicht recht verstündlich, wie gerade ein orthodoxer Rabbiner5 den Zweck der Predigt nicht in der Vermittelung der Grundzüge der jüdischen Religion, aber auch nicht in der Erweiterung und Vertiefung jüdischen Wissens sehen kann. Viel richtiger urteilt doch Franz Rosenzweig, wenn er meint, in der Interpretation könnten die Rabbiner ,,zurückfinden zum einzig genuinen jüdischen Predigtstil, zum lehrhaften, aus dem das Mahnende, Aufrufende sich ungesucht, gelegentlich im besten Sinne ergibt“6. Die Belehrung wird nach dem Grad der vorausgesetzten religiösen Kenntnisse der Gemeinde bei dem orthodoxen und dem liberalen Prediger verschieden ausfallen, aber ausgehen werden sie beide vom Schriftwort. Daß dieses in der Regel der durchs ganze Jahr fortlaufend vorgetragenen Thora entnommen wird, hängt mit einem Grundzug des Judentums zusammen. In der jüdischen Religion (schon das Wort Religion ist dem jüdischen Sprachgebrauch fremd) handelt es sich nicht wie in der protestantischen einzig um Gott und die Menschenseele, 1 Maybaum a. a. O. S. 23. 2 Derselbe S. 22 u. S. 68. 3 So schon Wohlgemut!! a. a. O. S. 73 4 Philippson a. a. O. S. 52. 5 Wphlgemuth a. a. O. S. 15. 6 Jehuda halevi S. 118.

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