Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 88

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 88 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829975-2829978-2836660--50334-2836706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

88 nicht unwichtiger Faktor ist dabei die Renaissance der jungen jüdischen Generation im Zionismus gewesen, einer Bewegung, die anfänglich das nationale gegen das religiöse Moment ins Feld geführt, in ihrem Verlaufe aber die religiösen Richtungen einander genähert hat. Es ist bedauerlich, daß wir den literarischen Niederschlag, solcher Wandlungen an keiner jüdischen Homiletik ablesen können. Was wir außer der im Sinne des alten Liberalismus orientierten ,,Jüdischen Homiletik“ von S. Maybaum1 besitzen, sind nur vereinzelte Beiträge wie die von L. Philippson2, J. Wohlgemuth3 und J. Nobel4, oder gelegentliche Bemerkungen in Predigtsammlungen. Der Mangel ist um so bedauerlicher, als in Zunz’ Meisterwerk das wissenschaftliche Fundament zu einer Geschichte der alten und mittelalterlichen Predigt gelegt worden war. Und doch ließe sich aus der heute schon reichen Predigtliteratur auch eine Geschichte der modernen jüdischen Predigt auf bauen. Die Predigt, eine Schöpfung des Judentums aus Esras Zeiten, war der jüdischen Gemeinde im Laufe des Mittelalters verloren gegangen; sie mußte sie der christlichen Kirche, die die Predigt übernommen und ausgebildet hatte, wieder ablernen. Daher kommt es, daß die ersten neuzeitlichen jüdischen Prediger sich, der christlichen, speziell der protestantischen Form der Predigt bedienten und es nicht einmal immer nur bei der Nachahmung der Form bewenden ließen. Gegen diese Nachahmung haben schon frühzeitig auch liberale Rabbiner ihre Stimme erhoben.׳ Dreyfuß5 unterscheidet bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts drei Phasen der jüdischen Predigt: die ״Paradepredigt“, die polemische (Reform-) und die ״dauerhaft festzustellende Stufe“ der Predigt. Daß die letztere nicht die letzte bedeutet, hat die Geschichte der 80 Jahre, die seitdem verflossen sind, bewiesen. Es ist ein Weg von Gotth. Salomon und Holdheim über Mannheimer, Jellinek und Sachs bis zu Joel, und von diesem wieder über Maybaum bis zu unseren jüngsten Predigern. Auf diesem Wege, der in mannigfachen Wendungen verläuft, ist die jüdische Predigt im großen imd ganzen immer mehr zum Bewußtsein ihrer Eigenart gelangt. Die Eigenart der jüdischen Predigt wird zunächst durch die Eigenart des jüdischen Gottesdienstes bestimmt, in dem wiederum wesenhafte Züge des Judentums sich ausprägen. Dieser Gottesdienst hat innerhalb der jüdischen Religion nicht die überragende Stellung wie der protestantische innerhalb der seinigen. Von den drei Dingen, auf denen nach einem bekannten rabbinischen Spruch die sittlich-religiöse Welt beruht, steht der Gottesdienst erst an zweiter Stelle. An erster steht die Thora als religiöse Lehre und religiöses Leben. Während das protestantische Familienhaus mit Ausnahme des Weihnachtsabends und der Feier besonderer Ereignisse religiöse Riten so gut wie gar nicht kennt, ist das jüdische von ihnen 1 Berlin 1890. 2 Die Rhetorik und jüdische Homiletik, Leipzig 1890. 3 Beiträge zu einer jüdischen Homiletik, Berlin 1904 ( Jahresbericht des Rabbinerseminars Berlin). 4 Homiletische Zeitschrift Libanon 1912 f. 5 In L. Steins ,,Der isr. Volkslehrer“, 2. Bd., 1852, S. 233: Einiges über die moderne Predigt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.