Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
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87 stellt N. hin, daß der Prediger auch außerhalb des Gottesdienstes, bei Kasualreden, in religiösen Artikeln, am Radio besser, verständlicher, menschlicher rede. Er schließt mit den Worten: ,,Man mag sagen, was man will, die Zukunft unserer Kirche hängt nicht an Verfassungen, Liturgien mit Kerzen, Fahnen und Prozessionen, sie hängt allein an der Predigt. Diese muß besser werden, diese kann •auch besser werden/' II. Der jüdische Leser wird in dem, was N. hier in einer außerordentlich lebendigen und fesselnden Weise an Tatsachen, Beobachtungen, Anschauungen und Forderungen darstellt, vieles finden, was ihm aus seinem jüdisch-religiösen Denk- und Lebenskreise vertraut ist, aber auch vieles Andersartige, was ihn auf die ,Eigenart seiner Religion und ihrer Formen hinweist. Nicht zuletzt hierin liegt der große Nutzen, den wir aus dem Studium des vortrefflichen Buches ziehen können. Im Bilde des modernen Menschen spiegelt sich auch der moderne westeuropäische Jude. Wie wäre es auch anders möglich? Unaufhaltsam und unwiderstehlich drang, als die Ghettomauern fielen, die blendende Macht europäischer Kultur auf ihn ein. Seine Einbürgerung fiel in das Zeitalter der Aufklärung. Vernunft war nun auch ihm die höchste Richterin in allen Dingen des Geistes, auch er setzte Lösung an Stelle uralter Bindung und Zivilisation an Stelle von Kultur. Aber auch er hat die abermalige Wandlung an sich erfahren. Aus dem Gefühl der Leere erwuchs in ihm die Sehnsucht nach neuer Bindung, nach einer Gewißheit in einem über alles Wissens- und Denkmögliche hinausliegenden Glauben. Aehnlich wie bei dem protestantischen Menschen der Gegenwart finden wir bei dem jüdischen eine Hinneigung nach den Mysterien des Ostens, ein ungemeines Interesse für Mystik, Kabbala, Chassidismus. Es ist nicht eigentlich Glauben, sondern Glaubensersatz. Die jüdische Theologie, ganz wie die protestantische, folgt viel mehr der religiösen Entwicklung als daß sie sie führte. Die Orthodoxie der Judengasse war so gut wie verschwunden, als in dem theologischen System 'S. R. Hirschs eine neu-orthodoxe Vereinigung zwischen thoratreuer Religion und allgemeiner Bildung angestrebt wurde. Reformen des Gottesdienstes, oft willkürlich und jede Kontinuität verleugnend, hatten das alte jüdisch-religiöse Leben umgestaltet, als A. Geiger in einer liberalen Theologie aller Reform die feste wissenschaftliche Grundlage schuf. Jahrzehntelang ging ein bisweilen erbitterter Kampf der beiden Richtungen, nicht so sehr wie im christlichen Lager um etwaige Dogmen oder um die Glaubwürdigkeit biblischer Wunderberichte als vielmehr um den Charakter der göttlichen Offenbarung und um die verpflichtende Geltung des Religionsgesetzes. Inzwischen hat auch die liberale Theologie sich weiter entwickelt. Man kann seit einiger Zeit eine Art ,,nachmodernen“, einen ,,Neuliberalismus“ beobachten, der zumal unter den jüngeren jüdischen Theologen seine Anhänger hat und sich in einer Rückkehr zur Bindung durch das Gesetz, in einer Abkehr von Rationalismus und Individualismus, in Ablehnung der zersetzenden historischen Kritik der Bibel und einer ,,Retroform“ in Kultus und Ritus bekundet. Ein