Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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86 der Predigt •hat sich gehalten, aber der freie Text hat grundsätzlich gesiegt. Der Weg geht vom Leben zum Text, ehe er vom Text zum Leben geht. Von der Verwendung des Textes als Motto bis zur Auslegung, die Zug um Zug der Gliederung des Abschnitts folgt, finden sich alle Zwischenstufen. Nur die Homilie findet sich nicht, also die Weise der Auslegung, die bloß den Zusammenhang und den Gedankengang des Textes wiedergibt. ,,Dazu sind wir gegenwärtig noch zu sehr in der Hochschätzung des persönlichen Lebens befangen und in dem Wunsche, ein Licht von dem Damals auf das Heute zu werfen.“ In diesem Zusammenhang interessiert uns die Frage des Verfassers: ,,Wo bleiben die Propheten, diese kostbare Errungenschaft der historischen Theologie, die Propheten als Gestalter des Volks- -lebens, als Warner, als Mahner und als Tröster? Wo bleibt überhaupt das Alte Testament als das Buch, das es, richtig verstanden, ist, nämlich die große Sammlung von Beispielen für ein im biblischen Geist zu führendes Volksleben?“ Das Thema sollte nach der homiletischen Scholastik die Zusammenfassung der Teile des Textes in streng gedanklicher Form sein. Heute ist es nur eine Ueberschrift, die den Gegenstand der Predigt zum Ausdruck bringt. Doch sollte man sich immer prüfen, ob sich der Inhalt der Predigt in einem kurzen Satz zusammenfassen läßt, denn nur so hat sie den Gehalt, der nun einmal dazu gehört, wenn es kein ״Stimmungsbrei“, sondern eine Predigt sein soll. Es empfiehlt sich eine planmäßige Mischung von allgemeinen und speziellen Themen. Jeder ernstliche Hörer will mit dem Prediger mitdenken; dieser muß deshalb Begriffe klären, Behauptungen beweisen und Forderungen begründen. Begründen können wir nun einmal nicht mehr mit dem Schriftwort als Gotteswort, sondern wir müssen dieses oft genug anderswoher stützen. Als Stütze braucht man die Berufung auf Autorität, auf Erfahrung der Hörer, oder einen Schluß von irdisch-menschlichen Verhältnissen auf seelisch-göttliche.- Nur keine windigen Begründungen, Kurz- Schlüsse, rhetorischen Fragen: sollte nicht? und ähnliches Scheinwesen in einer Predigt, die doch eine sittlich-geistige Leistung sein soll! Vom Stil wird mit einem Schlag'wort unserer Tage Sachlichkeit gefordert. Noch ist er vielfach der Stil eines schlechten Barock: aufgedonnert, geziert, hohl und unreell, und sollte doch ganz und gar ehrlich sein. Auch von Tiefem kann man einfach und von Geheimnisvollem auch deutlich reden. Eine dauernde Errungenschaft der modernen Predigt wird es sein, daß sie dazu angeleitet hat, die Ausdrucksweise für religiöse Dinge heutigem Denken und Empfinden anzupassen, wobei auch das gegen biblische Verhältnisse so sehr veränderte Milieu berücksichtigt werden muß. Immer handelt es sich um die Aufgabe der ,,Uebersetzung“; dabei geht natürlich vieles vom Hauche des Originals verloren, aber ohne sie geht überhaupt alles an modernen Hörern vorbei. In einem kurzen Schlußkapitel faßt N. die negativen und die positiven Ergebnisse seiner Abhandlung zusammen. Wir müssen auf die Massen verzichten. Die da kommen, verlangen von der Predigt Gedanken, die wirkliche Wirklichkeit, erreichbare Ziele und erfüllbare Forderungen wiedergeben. Sie verlangen einen Prediger, der als Mensch von Echtheit und Güte sie religiös-sittlich führt. Als Aufgabe