Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die moderne Predigt
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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85 Frage (auch die Judenfrage), der Krieg, die Todesstrafe, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Klassenkampf, Sport, Radio, Kino, Freitod, Alkohol, Spiritismus und Okkultismus. Von Fragen, die sich auf das religiöse Leben beziehen: Wie erlebt man Gott?, Gebet, zeitgemäße Bibellehre, die Versuche, an die Jugend und an die Gebildeten heranzukommen, gottesdienstliche Gemeinschaft usw. An einer Fülle von Beispielen aus der modernen fast ausnahmslos deutschen protestantischen Predigtliteratur zeigt N., wie diesen geistigen Schichten gepredigt worden ist und gepredigt wird. Vertreter der liberalen, unmodernen, vormodernen, modernen und hochmodernen Predigt (unter diesen begegnen wir Traub und Jatho) werden knapp und lebendig charakterisiert. Auch besondere Predigten wie Dorf-, Kleinstadt- und Kasualreden werden berücksichtigt, und am Ende steht auch hier die ,,nachmoderne“ Predigt der sogen, dialektischen Theologie mit ihrer Rückkehr zur Weise der alten Orthodoxie. In einem dritten Teil, den er ,,Ertrag der modernen Predigt** überschreibt, gewinnt N. die Ergebnisse seiner Untersuchung über die kulturgeschichtliche und theologische Grundlage auf der einen und über die moderne Homiletik und moderne Predigt auf der anderen Seite. Hier liegt die eigentliche Antwort auf die Frage, welchen Beitrag die moderne Predigt zur Erkenntnis der Aufgabe des Predigens überhaupt geleistet hat und welche ihrer Merkmale bleibende Errungenschaften bedeuten? Wir dürfen unter keinen Umständen uns durch die Rücksicht auf die Modernen dazu verleiten lassen, von unserer Eigenart und der unserer Religion abzugehen; wir müssen uns damit zufrieden geben, daß wir immer nur Einzelne erreichen, und zwar solche, die das Bedürfnis nach Bindung, Autorität, Sinn, Ueberwelt, Absolutem und Irrationalem, nach Seele, Güte, Erbarmen zu uns führt. Anders steht es mit dem Wie unserer Verkündigung. Das Wie soll sich nach dem Geschmack jener Modernen richten und nicht nach der in unseren Kreisen herrschenden Tradition. Die Modernen haben ganz und gar recht, wenn sie eine Verkündigung verlangen, die durchaus echt und wahr ist und jeden kitschigen Ton vermeidet. Unsere Sache in moderner Sachlichkeit — das ist ein Programm, wie es aus diesen grundlegenden Ausführungen folgen sollte. Mehr können wir nicht tun, als unseren Inhalt in einer modernen Form anzubieten. Etwas muß auch von seiten des Hörers hinzukommen: der Ruck des Willens. Was auf ihn Eindruck gemacht hat, muß von ihm ernst genommen werden. Es ist ein seltener Fall, daß gleich eine wahrnehmbare Wirkung eintritt; aber Gedanken, Worte, Atmosphäre können im Unterbewußten lange fortwirken. Abermals an Beispielen zeigt N. nunmehr die Gestalt der modernen Predigt auf. Die alte Predigt glich dem Ideal des deutschen Aufsatzes mit seinem diktierten Schema oder dem Drama mit fünf Akten oder dem Hause, das man von der Fassade, von außen nach innen, statt von innen nach außen baute. Heute ist die Predigt aus dem Bereich eines formgebundenen Klassizismus zu einem Expressionismus übergegangen, der erlaubt und gebietet, seelische Gehalte nach inneren Gesetzen anstatt nach äußerlichen Regeln ausströmen zu lassen. Der Text als grundlegender Bestand teil