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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 84

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 dem Gehorsam gegen göttliches oder landesherrliches Gebot, nicht mehr auf allgemeiner Gewohnheit oder Sitte beruht, wo keine Streberei und wo kein Streben, anderen damit ein Vorbild zu geben, den Menschen in die Kirche führt, immerhin nicht wenig, daß es noch ansehnliche Predigtgemeinden gibt. Von Interesse in diesem Zusammenhange ist eine Sammlung von Aeußerungen, die Prediger über ihre Gemeinde und ihre Predigttätigkeit, und von Aeußerungen, die Predigthörer über Predigtwirkungen getan haben. Die Wiedergäbe dieser Aeußerungen stellt etwas Neues in der Geschichte der Predigt dar. Für jüdische Leser dürfte von besonderem Interesse sein, daß mehrere protestantische Geistliche nicht nur Katholiken, sondern auch Juden und Halbjuden als regelmäßige Zuhörer erwähnen. Die kulturgeschichtliche ergänzt N. durch eine theologische Grundlage. Auch auf die Theologie läßt sich das Schema der allgemeinen Geschichte anwenden. Es gab (und gibt noch) eine orthodoxe protestantische Theologie, die man als doktrinär, objektiv, kollektiv, dualistisch, supranatural und autoritär bezeichnen kann. Gegen sie erhob sich die liberale Theologie, die Lösung statt Bindung und die sehr beachtliche Unterscheidung von Theologie und Religion zur Forderung erhob, deren entscheidendes Merkmal die Kritik an der Bibel und die im übrigen individualistisch, subjektiv und historisch gerichtet war. Im Kritisch-Historischen folgt ihr die moderne Theologie, die das geschichtliche Interesse nur weiter auf alle Religionen ausdehnt. Das Neue, das sie bringt, ist die Anwendung der Psychologie auf das Gebiet des Religiösen, die Bevorzugung der religiösen Erfahrung, die Betonung des Irrationalen und die Anteilnahme an den sozialen Problemen. Das bis jetzt letzte Wort aber hat die sogen, dialektische Theologie, die noch stärker als die moderne zur orthodoxen zurückstrebt. Gott, der lebendige Gott, nicht der philosophische Gottesgedanke, tritt wieder in den Vordergrund. Gegen ihn bedeutet der Mensch ein Nichts. Der ganze Bereich der Kultur und der Philosophie wird wieder in Frage gestellt. Die alten Dogmen gewinnen neue Geltung. Die Autorität der Bibel ist unantastbar. Der Kultus und die Liturgie erfahren eine erhöhte Wertschätzung. Wie nun der Prediger den Inhalt seiner Religion als Mensch und Theologe seiner Zeit dem Menschen und Laien seiner Zeit darzubieten habe, ist Gegenstand der Predigtlehre, der Homiletik. Die moderne Homiletik verlangt vom Prediger den Verzicht auf Selbsttäuschung und den Entschluß zu rückhaltloser Lernbereitschaft, letzte Wahrhaftigkeit und klaren Wirklichkeitssinn. Die gedanldiche Redeweise ist durch die anschauliche, plastische zu ersetzen. ,,Die Sprache muß durchaus reell, nüchtern und schlicht, ohne Uebertreibung und Prunk, ohne unnütze Worte, ohne Fremdwörter sein, zu denen auch mancher theologische Ausdruck gehört, der 1ms geläufig, aber den Gebildeten fremd geworden ist. Und vor allem — kurz, kurz! weil der moderne Mensch keine Zeit, und das heißt keine Spannkraft mehr hat, länger einer Predigt zu folgen/" Wie, groß jedoch das Interesse der gebildeten Zuhörer an praktischen Predigtthemen noch heute ist, beweist das Resultat einer Umfrage. Wir greifen einige bevorzugte Themen heraus: die Ehe, die völkische

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