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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 83

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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83 berichte, Legenden, Dogmen, alles Uebernatürliche sinkt dahin. Diese Stufe religiöser Entwicklung ist bereits vielfach überwunden. Der eigentlich moderne Mensch empfindet eine Sehnsucht aus der Leere der Glaubens- und Bindungslosigkeit heraus nach einem neuen Glauben. Er hat nicht mehr oder noch nicht die alte Glaubenskraft. Was einstmals Glaube war, ist nun eine Gläubigkeit geworden, die aller höheren Ziele entbehrt und sich mit Ersatzreligionen, wie etwa Theosophie, Okkultismus und Spiritismus begnügt. Auf einer höheren Ebene geistiger und seelischer Bildung sind es die ״Wartenden“, wie S. Kracauer1 sie benennt und beschreibt, die zu dem alten Glauben und seinen Bindungen nicht zurück wollen oder können, aber mit ihrem Willen zum Glauben tapfer vor der Türe stehen bleiben, bis sie sich öffnet, um das Absolute in ihr Inneres einbrechen zu lassen. Diesem vielbemerkten Wiedererwachen der Religion ist mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Gewiß, von dem Radikalismus des 19. Jahrhunderts ist man mehr und mehr abgekommen. Der Mensch des 20. ist stärker nach dem Osten als dem Westen orientiert, stärker durch Phantasie und Gemüt als durch Verstand und Kritik bestimmt. So erklärt sich die Hinneigung zum Katholizismus, das brennende Interesse an Indien und Rußland. Aber das ist kaum mehr als Religionsersatz, ist ״zweite Religiosität“, wie O. Spengler sie im Gegensatz zu dem unmittelbaren religiösen Empfinden des nüttelalterlichen Menschen bezeichnet, ein Greifen nach Religion ohne inneres Bedürfnis, bestenfalls ein Glauben an den Glauben. Etwas von der ״Geheimreligion der Gebildeten“2 wirkt darin fort, von dem dünnen Rationalismus, der Gott mit Geist und Kraft im Menschenherzen gleichsetzt und statt vom Weltschöpfer von der Weltseele redet. Wie steht es nun mit denen, die noch zu Gottesdienst und Predigt kommen? Auch die breite Masse der Kirchenbesucher ist von diesem modernen Geiste, dieser Gläubigkeit erfaßt. ״Es ist nur ein Ausfluß unseres Bedürfnisses nach Illusionen, wenn wir (Prediger) so tun, daß diese unsere Leute noch so glaubten wie früher. Wir können manches nicht mehr voraussetzen; dafür müssen wir damit rechnen, daß Religion eine Sache des persönlichen Bedürfnisses geworden, daß ferner die naturwissenschaftliche Grundanschauung weithin gedrungen ist, und daß der Weg weniger vom Bibelwort‘zu der Erfahrung, als umgekehrt von der Erfahrung und dem Erlebnis zu dem Bibelworte geht.“ In einer Zeit, deren Merkmale Reizsamkeit, Triebleben anstatt Wille, Stimmung anstatt Gefühl ist, wird auch in der Predigt alles an dem Maßstab gemessen, ob es interessant sei. Natürlich gibt es interessantere Dinge als Predigten — für die meisten Menschen. Wir müssen uns damit abfinden, daß, wo Geld und Vergnügungen alles beherrschen, man nicht zum Anhören erbaulicher Betrachtungen sich gedrungen fühlt. Wir müssen uns der besseren Qualität anstatt der größeren Quantität der Hörer freuen. Bedeutet es doch in einer Zeit, in der Religion nur ein Gebiet neben vielen des Lebens ausmacht, wo der Besuch der Kirche nicht mehr auf 1 Sonderdruck der Frankfurter Zeitung 1921. 2 G. v. Zastrow: Die Geheimreligion der Gebildeten, Göttingen 1913. f>*

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