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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 2 · p. Seite 82

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 2
Article
Die moderne Predigt
Date
1931-01-01
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 andeutungsweise reden läßt, das aber die Form der heutigen Predigt bestimmt. Denn N. bemerkt zwar treffend, daß Predigten immer unzeitgemäß sein müssen, weil sie ja ,,ewigkeitsgemäß" sein wollen. Aber wenn der Prediger diesen ewigen Inhalt seiner Gemeinde nahe bringen will, so bedarf es dazu einer genauen Kenntnis dieser Gemeinde und der ganzen Zeit, aus der sie hervorwächst; bedarf es ferner auch der besonderen Kunst, die Wahrheiten der Religion, klar, verständlich, eindringlich und lebendig zu machen. Es ist nun einmal nicht zu leugnen, daß vielfach ,,vor den Augen eines geistig־ regen modernen Menschen Langeweile aufsteigt, wenn das Wort Predigt durch sein Bewußtsein geht"1, und es wäre ungerecht, die Schuld daran nur den modernen Menschen und nicht auch dem Prediger aufzubürden. Zur Kennzeichnung des heutigen Menschen und seiner Einordnung in den Ablauf der Kulturgeschichte bedient sich N. der Kategorie der Bindung und Lösung, die Karl Joel in seinem Werke ,,Wandlungen der Weltanschauung"2 als beherrschendes Schema durch die ganze Weltgeschichte durchführt, so zwar, daß jedesmal auf ein Jahrhundert der Bindung eines der Lösung folgt und umgekehrt. N. glaubt den Wechsel dieser beiden schon innerhalb zweier Generationen aufzeigen zu können und gibt dem Schema eine neue bedeutsame Wendung mit dem an das bekannte Hegelsche Gesetz־ erinnernden Gedanken, daß der Umschlag nicht einfach zu der ursprünglichen Bindung oder Lösung zurückführt, sondern ein neues• Drittes hervorruft, das dem Ersten ähnlicher ist als dem Zweiten. Um es mit einem Bilde zu sagen — der Enkel reicht dem Großvater über dessen Sohn hinweg, der Vater geworden ist, die Hand. Wenn N. auf den mittelalterlich gebundenen den liberal losgelösten und auf diesen den modernen Menschen folgen läßt, so ist das nicht chronologisch gemeint, da es auch gegenwärtig noch liberale, ja mittelalterliche Menschen gibt. Nur Typen oder Arten seelischer Struktur sollen damit nebeneinander gestellt werden. Diese Trias wird nun auf die verschiedensten geistigen und seelischen Haltungen gegenüber Welt, Leben und Gesellschaft angewandt, z. B. Glaube — Zweifel —■ Gläubigkeit, oder Alte Moral — Ethischer Naturalismus — Neue Moral, oder Kultur — Zivilisation — Scheinkultur, oder Sacrificium — Rational — Irrational, oder Dinglichkeit — Persönlichkeit — Sachlichkeit, oder Geist — Stoff — Seele, oder Solidarisch — Liberal — Sozial. Auch auf das Verhältnis von Stoff und Form läßt sich die Dreiheit übertragen: Eindruck — Ausdruck — Sachlichkeit, oder Schlicht — Kitsch — Echt. Als das uns nächstliegende Beispiel sei der Dreiklang von Glaube — Zweifel — Gläubigkeit herausgehoben. Der Glaube des Mittelalters hat es mit dem Einzelmenschen wenig zu tun; er bedeutet vielmehr die allgemeine Haltung, die als selbstverständlich allem Denken und Streben zugrundeliegt. Durch die Aufklärung, die mit ihrer Kritik den naiven Glauben zerstört, rückt die irdische Welt an die erste Stelle. Wunder- 1 Niebergali: ,,Die mod. Predigt“ in Zeitschrift f. Theologie u. Kirche,. XV. Jahrg., Heft 3, Tübingen 1905. s Tübingen 1928/30.

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