Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Gebet und Zauberspruch
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
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462 Gegenwart zu bestimmen sucht, indem er ihn an frühere Gnadenerweise erinnert, so beschwört auch der Zauberer den Dämon durch Sprüche, die von der in der Vergangenheit bewährten Allmacht Gottes erzählen. 4. Neuere Religionsforscher sehen im Zauberspruch den Urkeim des Gebetes und suchen darzutun, wie die Gebetsanrufung an die Gottheit aus der Beschwörung der Dämonen herauswuchs und wie Gebet und Zauberspruch, ursprünglich in einem gemeinsamen Komplex verbunden, bei fortschreitender Differenzierung des Gottesglaubens auseinandertraten1. Allein diese Meinung ruht kaum auf einem festen Grunde. Gewiß kam es vor, daß ein heiliges Gebet auf die Stufe der primitiven Magie herabsank. Das jüdische Schma, das christliche Vaterunser und die Anfangs- und Schlußsure des Koran mußten es sich in gleichem Maße gefallen lassen, als Zauberformeln zu dienen. Sie galten als ,,heilig“ und mit übernatürlicher Kraft ausgestattet, und ihre Worte wurden zum Zaubermittel und zur wirksamen Beschwörung. Von dem Abend-Schma sagte man, daß es die Dämonen verscheuche2, und vom Priestersegen, daß er die von den Dämonen hervorgerufenen bösen Träume unschädlich mache3. Trotzdem hat es der Beter nicht vom Zauberer gelernt, auf frühere Heilstaten Gottes sich zu berufen. Es handelt sich vielmehr um eine parallele Erscheinung; Gebet und Zauberspruch sind zwar in diesem einen Punkte einander ähnlich, aber in ihrem Wesen grundverschieden. Das Gebet ist trauter Umgang des Menschen mit Gott, der Zauberspruch wendet sich an Geister und Dämonen. Der fromme Beter beugt sich in Demut vor seinem Gotte, wie das Kind vor seinem Vater und der Knecht vor seinem Herrn; der Zauberer aber will die bösen Geister unter sein Wort zwingen, über sie Macht gewinnen und die Geister vertreiben. Im Gebet schüttet der Einzelne oder die Gemeinde das Herz vor Gott aus, der Zauberspruch dagegen wird zum Amtsgeschäft des Magiers. Der Betende muß das Gebet verstehen, empfinden und erleben; der Zauberspruch aber bleibt wirksam, auch wenn seine Sprache und sein Inhalt dem Magier fremd sind; ja gerade das Unverstandene und Geheimnisvolle ist es, das die Kraft des Zauberspruches erhöht. Die Form des Vortrages ist bei dem Gebet minder wichtig; bei dem Zauberspruch dagegen ist die Art der Rezitation von größter Wichtigkeit. So muß dem Kranken der Zauberspruch ins Ohr geflüstert werden, damit er nicht von Unberufenen gehört und der magischen Kraft beraubt werde. Es gilt als häßlich, das Schma zu lesen und zu wiederholen4. Das Dankgebet ,,Maudim“ in der Tefilla darf nicht wiederholt werden5 6. Noch weniger ist es gestattet, das Schma, die Tefilla und das Hallel von rückwärts nach vorne zu beten*. Dagegen glaubt der Zauberer, seinen Zauberspruch gerade durch Wiederholung und Umkehrung 1 Heiler, 8. 2 Berach. 5a, j. Berach. 2d. 3 Gant. r. zu 38) Num. r. 11. 4 Berach. 33b. 5 M. Meg. 4, 9. 6 Tos. Berach. 2, 3, vgl. Blau, 147 i.