Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Gebet und Zauberspruch
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
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461 Beispiele der Gebetserhörung folgen dann wie in den jüdischen ־and christlichen Gebeten die Patriarchen und Propheten1. 3. Die Beratung auf Wunder- und Heilstaten der Vergangenheit waren nicht nur in der Liturgie, sondern auch in der Magie üblich. So pflegten Orphiker und Gnostiker zu magischen Zwecken zuerst einen Hymnus zu rezitieren oder eine göttliche Heldentat zu erzählen, um die Götter im gegebenen Falle zu einer ähnlichen Tat anzuregen2. Auf der Bleitafel von Hadrumetum, die von einem hebräisch oder griechisch sprechenden Juden aus dem 3. Jahrhundert herrührt, wird der dämonische Geist bei dem Gotte beschworen, der die Himmel und Meere erschuf, mit seinem Stab das Meer trennte, Licht von Finsternis schied, eine Leuchte und die Sterne an den Himmel setzte, und durch den der Löwe seinen Raub läßt (Daniel in.der Löwengrube). In einem anderen hellenistischen Zauberspruch wird der Geist eines Besessenen bei dem Gotte der Hebräer beschworen, der Israel aus der Bedrückung Pharaos errettete, das Meer und den Jordan spaltete, dem Meere Grenzen setzte und die vier Winde zusammenrüttelte3. Das hitzige Fieber wird nach der Meinung des R. Jochanan am wirksamsten mit folgenden Worten beschworen: Feuer, wie du Chanania, Mischael und Asaria gesehen hast und vor ihnen geflohen bist, so sieh auch diesen Kranken und fliehe vor ihm4! Auch die Christen verwendeten, wie Origenes berichtet, bei der Beschwörung böser Geister die Jesusgeschichten, wobei man wohl an die Aufzählung der von Jesus vollbrachten Heilwunder zu denken hat5. In einem aus einem koptischen Papyrus mitgeteilten christlichen Fluchgebete fleht Jakob, ein Christ, Gott an, Jesus, den heiligen Geist, den Erzengel Gabriel, die ,,vier Tiere, die bei dem Vater, dem großen Gotte stehen“, und die ,,vierundzwanzig Aeltesten, die in der Gegenwart des Vaters sitzen“, sie mögen Rache üben an Maria, der Tochter der Tsibel, und Tatore, der Tochter der Taschai, und.Andreas, dem Sohne der Marthe, und sie schlagen ״mit einem großen Zorn und unheilbaren Leiden“: ״Du, der du Jonas aus dem Inneren eines Seetieres rettetest“, ״der du die drei Heiligen vor dem brennenden Feuerofen bewahrtest“, ״der du Daniel aus der Löwengrube rettetest, schlage Maria und Tatore und Andreas im Zorn deines Aergers6!“ Die Zahl der im religiösen Schrifttum mitgeteilten Zaubersprüche ist geringer als die Zahl der von ihm überlieferten Gebete. Aber auch die wenigen Beispiele genügen als Beweis für die merkwürdige Tat־־ sache, daß sowohl in Gebeten als auch in Zaubersprüchen die Berufung auf die Schöpfungs- und Heilstaten der Vergangenheit in gleicher Weise sich findet. Wie der fromme Beter Gott zur Hilfe in der 1 Goldziher, Zauberelemente im islamischen Gebet (Orientalistische Studien, Theodor Noldeke zum 70. Geburtstage gewidmet, I, Gießen 1906, 318). 2 Blau, Das altjüdische Zauberwesen, Budapest 1898, 70. 3 Blau, 96 f., 113 f. 4 Sabb. 67a. 6 Vollmer, 31. 6 Crum, Eine Verfluchung, Zeitschrift für ägyptische Sprache, Leipzig 1896, 34, 85 f., vgl. Bondi, Koptische Fluchformen aus jüdischer Quelle, Zeitschrift für ägyptische Sprache 35, 102 f. Wie in den magischen Formeln aller Völker wird auch in dieser christlichen Verfluchung der Name der Mutter und nicht der des Vaters genannt. Vgl. Blau, 85.