Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 456 (sequence 20)
- Language
- German
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456 kann, — denn kein Individuelles läßt sich eindeutig klassifizieren und umfaßt oft mehrere Typen gleichzeitig, ohne doch einen von ihnen restlos zu erschöpfen, — unter dieser Einschränkung also läßt sich zu dieser Gruppe, die die Offenbarung prinzipiell von vomeherein anerkennt und sie nur prüfen will, um sie zu verstehen, ohne ihre Existenz und ihre Göttlichkeit ernsthaft in Frage zu ziehen, vielleicht die Patristik, die Scholastik, und von den systembildenden Denkern Bacon und Leibniz rechnen. Für die andere Gruppe, deren Vertreter schon in ihrer persönliehen Stellung zur Religion gewisse Schlüsse auf ihre Argumentation erlauben, ist die Existenz und die Göttlichkeit der Offenbarung keine solche beschlossene Sache: sie steht mehr oder weniger ernsthaft in Frage. Die Untersuchung erst hat zu ergeben, ob der Anspruch gerechtfertigt werden kann. War oben der Gegenstand der Prüfung letzten Endes doch die Vernunft, so ist es hier wirklich die Offenbarung. Das, was in ihr über der Vernunft ist, ist auch wider sie, — dann ist die Offenbarung unsinnig, oder aber es ist durch irgendeine Erklärungsweise rational aufmeßbar, — dann ist die Offenbarung keine Offenbarung mehr. Die Untersuchung nun kann nach zwei Richtungen hin erfolgen: 1. Substanziell, wobei dann der Offenbarungsinhalt mittels und an der Vernunft geprüft wird — wie sich etwa der Gott der Offenbarung, seine Schöpfung, die biblische Un- Sterblichkeit usw. zu den entsprechenden metaphysisehen Ideen verhalten, ob sie ihnen ent- oder widersprechen usw. Zu den so arbeitenden Kritikern sind vornehmlich Locke und Wolff zu zählen. Öder aber die Prüfung erfolgt 2. akzidentiell: es werden die Umstände und Mittel untersucht, mit denen die Offenbarung erfolgt; dazu gehört beispielsweise die Frage, ob die ganze Haltung, der Gesamtcharakter der Bibel sich mit ihrer Göttlichkeit verträgt (Bayle, Reimarus), ob die vermeintliche ursprüngliche Absicht des Autors restlos oder etwa nur zum Teil nachgewiesen werden kann (Spinoza), wobei unter Umständen das spekulative Gebiet ausscheidet und nur die moralische Forderung bleibt (Bayle, Spinoza, in gewissem Sinne auch Lessing und Fichte); dazu gehört endlich die Frage, ob Gelingen oder Mißlingen der göttlichen Absicht als bejahendes oder verneinendes Kriterium ausgelegt werden kann (Reimarus, Lessing, die geschichtsphilosophischen und eschatologischen Untersuchungen Kants). Dies letzte Kriterium führt, wie schon •angedeutet, aus der eigentlichen Offenbarungskritik hinaus und in die geschichtsphilosophische Spekulation hinein. Die kritizistische Lösung Fichtes steht mit ihrer transzendentalen Methode ganz außerhalb dieses Schemas, insbesondere insofern, als sie nicht eine Kritik der biblischen Offenbarung, sondern jeder beliebigen, d. h. aller Offenbarung unternimmt; andererseits fällt sie in alle Gruppen hinein/insofern sie formal und material, innerlich und äußerlich vorgeht, wobei wir der praktisch-moralischen Religionsauffassung Kant-Fichtes Rechnung tragen müssen; sie ragt insofern über unser Schema hinaus, als sie die Kriterien des Offenbarungsbegriffungs (der selbst zwar kein apriorisch gegebener ist) auf apriorische Weise ermittelt und die Möglichkeit, Darstellung und Erkennbarkeit der Offenbarung kritisieren will.