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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 455

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
Date
1930-01-01
Page
Seite 455 (sequence 19)
Language
German
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455 Fichtes ,,Kritik aller Offenbarung“ hatte die Untersuchung, die der mit dem Begriffsapparat der Aufklärung arbeitende Reimarus ein für alle Mal abgetan zu haben glaubte, nach einer gründlichen Revision dieses Begriffs- und Ideenapparates noch einmal wieder aufgenommen und systematisch durchgeführt; diese Kantische Revision hat dann gemeinsam mit anderen Bedingungen, von denen wir eine bereits erwähnt haben1, die gesamte Religionsphilosophie und mit ihr das Offenbarungsproblem in Bahnen gelenkt, die zu verfolgen nicht mehr die Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist. * * * Der Abschluß, der mit Fichte gesetzt werden kann, gibt uns Gelegenheit zu einem systematischen Ueberblick über das bisher Gewonnene. Wir haben, dem Laufe der Philosophiegeschichte in einem ihrer wichtigsten Abschnitte folgend, eine Reihe von Materialien zusammengetragen, in denen eine gemeinsame Aufgabe gestellt und gelöst wird. Aber es hat sich schon bei flüchtiger Betrachtung gezeigt, daß trotz aller Gemeinsamkeit der Zielsetzung im großen und ganzen doch starke Differenzen herrschen, die sich im wesentlichen aus dem Standpunkt des jeweiligen Philosophen ergeben; dieWandlungen der philosophischen Betrachtungsweise wie des religiösen Weltbildes spiegeln sich wie in allen wichtigen Problemen, auch in dem der Kritik an der Offenbarung. Wir wollen nun einmal untersuchen, ob sich neben jenem historisch- und entwicklungsmäßig bedingten Wandel in ihrer Behandlung sachliche Gesichtspunkte finden lassen, die unabhängig von diesem Wandel sind und zu einer Art Methodik führen können. Wenn wir einmal betrachten, wie die Kritik unternommen wird, so lassen sich auf den ersten Blick zunächst zwei Hauptgruppen feststellen: Für die eine,; religiös ganz fest und sicher fundierte Gruppe wird die Offenbarung der Bibel als eine göttliche vorausgesetzt; sie hat spekulativen Wert und wird nicht ernsthaft angezwreife]t. Die Kritik hat dann lediglich die Aufgabe, die Realität der von ihr ausgesagten metaphysischen Ideen nachzuweisen und sie vor bzw. gegenüber der Vernunft zu rechtfertigen; sie richtet sich aber in erster Linie nicht gegen die Offenbarung, sondern eigentlich gegen die Vernunft. Die Roile, die die Letztere bei dieser Prüfung und Rechtfertigung spielt, kann positiv oder negativ sein. Im ersten Falle wird der Beweis durch Uebereinstimmung mit der erkenntnistheoretisch ziemlich hoch eingeschätzten Vernunft geführt, im zweiten auf Grund des Gegensatzes zu ihr, die dann meistens nur sensualistischpositivistisch aufgefaßt wird; sie kann das Metaphysische nicht adäquat erkennen, braucht die Offenbarung als Ergänzung und muß sich auf sie stützen (= credo ut intelligam). Das Uebernatürliche ist nicht widernatürlich; widernatürlich Erscheinendes laßt sich in Uebernatürliches auflösen. Unter der Einschränkung, daß diese Typisierung und Klassifizierung nur mit gewissen Vorsichtsmaßregeln vorgenommen und auf die empirischen Gegebenheiten angewandt werden 1 Vgl. das oben S. 446 über Schleiermacher u. a. Gesagte.

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