Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 454 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829967-2829974-2836511--50147-2836606- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
454 weil mit der Erfahrung hier nichts auszumachen ist und er sich auf dogmatische metaphysische Konstruktionen nicht einlassen darf: es handelt sich um eine praktisch-moralische Angelegenheit und es muß uns genügen, wenn eine Offenbarung auf diesem Gebiete prinzipiell stattfinden bzw. vorliegen kann. Auch bei der formalen und materialen K r i t i k der Göttlichkeit einer Offenbarung ist das Aeußerste,, was wir erwarten dürfen, ein problematisches Urteil: hier kann Göttlichkeit einer Offenbarung vorliegen. Wir werden niemals zu einem assertorischen, geschweige apodiktischen Urteil kommen können: Hier liegt sie vor oder hier muß sie vorliegen. Wir müssen als wichtiges, allgemein-logisches Ergebnis der transzendentalen Deduktion Fichtes feststellen, daß — wenn die Ableitung aller Kriterien zu einem problematischen Urteil geführt hat — der Schluß von diesen Kriterien auf die Kausalität Gottes nicht und niemals stringent geführt werden kann, daß Gott nicht als einzige mögliche Ursache der Offenbarung angesprochen werden kann1; ,,wir sehen am Endpunkte dieser Untersuchung mit völliger Sicherheit, daß über die Wirklichkeit einer Offenbarung schlechterdings kein Beweis weder für sie noch wider sie stattfinde, noch je stattfinden werde, und: daß, wie es mit der Sache an sich sei, nie irgendein Wesen wissen werde, als Gott allein/' Wenn wir nun trotzdem noch eine Entscheidung fällen wollen, so können wir das nur subjektiv, vermittels des reinen Vernunftglaubens, der uns Gott als notwendig existierend annehmen läßt — sowie vermittels des formalen, empirisch bedingten Offenbarungsglaubens; nur er allein ist es, der aus dem problematischen Wissens urteil ein kategorisches Glaubensurteil macht: Eine gewisse Erscheinung ist Offenbarung. Die Offenbarungskritik des Kantischen Kritizismus stimmt also in ihren Resultaten •durchaus mit seinen allgemeinen Tendenzen überein. Offenbarung als Erkenntnis des Uebersinnlichen ist unmöglich, wissensmäßig ist uns das Jenseits verschlossen; mögen wir immerhin soweit Vordringen wie Fichte, daß wir bis zur Möglichkeit einer Offenbarung als Willensäußerung Gottes gelangen, an eine Erkenntnis Gottes selbst kommen wir nicht heran. Fichte hat das Wissen um die Offenbarung aufgehoben, um für den Glauben an sie Platz zu bekommen. Wie er selbst sagt, ist der Gewinn dieser Operation größer als der Verlust; die Ausscheidung aller theoretischen Tendenzen wiegt nicht so schwer, wie die Möglichkeit göttlicher Sanktionierung, der praktischen Moralgesetze. Die Festigung der Beziehung zwischen Moral und Religion beherrscht für eine geraume Zeit die Religionsphilosophie, bis später vorübergehend das theoretische Motiv noch einmal anklingt und uns die Möglichkeit bietet, die Versuche Steinheims, praktische und theoretische Lehren mit Recht aus der Offenbarung herzuleiten, mit ihm in Zusammenhang zu bringen. Einstweilen aber sei der historische Ueberblick beendet; die erkenntnistheoretische Leistung Kants hat auch die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen auf Grund seiner durchgreifenden. Kritik dieser beiden Erkenntnis weisen geklärt: 1 Wenn Ä die Ursache von B sein kann, ist daraus nicht zu folgern, daß B nur von A verursacht ist; es sind unendlich viele andere Ursachen möglich.