Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 453 (sequence 17)
- Language
- German
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453 als Bestätigung der apriorischen Sätze — das Primäre, so müssen sich alle anderen religiösen Ideen erst aus ihr ableiten lassen; Gott ist bei Fichte nur darum Weltschöpfer, weil er das einzige Wesen ist, dessen praktisches Vermögen bloß durch das Moralgesetz bestimmt wird und weil kein Wesen die Natur diesem anpaßt, als dasjenige, das die Naturgesetze durch sich selbst. bestimmt1. Bei Steinheim liegen die Verhältnisse genau umgekehrt, und das ist auch der Grund, warum er so sehr gegen Fichte opponiert, dem er vorwirft, Gottes Schöpfertum eine nebensächliche und untergeordnete Stellung in seiner Offenbarungslehre zugewiesen zu haben. Wir haben im ersten Teil dieser Arbeit zu zeigen versucht, wie er (Steinheim) den ethischen Gott, den moralischen Gesetzgeber, aus dem freien Weltschöpfer ableitet und daß für ihn die Schöpfung aus dem Nichts die Grundlage alles Weiteren ist. Hier finden wir den Gegensatz des trotz aller Kritikversuche immer wieder dogmatischen Denkers, der von einer Setzung ausgeht, die er ׳einem heteronomen Medium entnimmt, zu dem kritischen, der von der Ueberr einstimmung der autonomen Willensforderting mit dem göttlichen Gebote aus alle weiteren Bedingungen einer Kritik der Offenbarung a priori zu entwickeln versucht. Das Ergebnis dieser •Ableitung ist eine negative Formulierung, die dann allerdings jeden Dogmatismus, orthodoxen wie rationalistischen, ausschließt; das Resultat ist ein problematisches, kein apodiktisches, und lautet mit Fichtes eigenen Worten: ״So wenig es dem dogmatischen Verteidiger des - Offenbarungsbegriffes erlaubt werden durfte, aus der Unerklärbarkeit einer gewissen Erscheinung aus Naturgesetzen auf eine übernatürliche Kausalität, und wohl gar auf die Kausalität Gottes zu schließen; ebensowenig sei es dem dogmatischen Gegner desselben zu verstatten, aus der Erklärbarkeit eben dieser Erscheinung aus Naturgesetzen zu schließen, daß . sie weder durch übernatürliche Kausalität überhaupt, noch insbesondere durch Kausalität Gottes möglich sei“2. In diesen Worten ist ein tiefgehender Widerspruch beschlossen, einmal gegen die Aufklärung, dann aber auch gegen Steinheim, welche beide in diesem Punkte sich berühren: Die Möglichkeit einer Offenbarung ist nach Fichte nicht gebunden an den :,,kürzesten Weg“ einer natürlichen Handlungsweise Gottes. Sie ist ganz unabhängig davon, ob etwa eine natürliche Belehrung vermittels der Vernunft die gleichen Dienste geleistet haben würde- Es wird nicht gefragt, ob die Offenbarung notwendig ist oder überflüssig, ob das anzuwendende Mittel im richtigen Verhältnis zur Absicht Gottes steht: Diese Erörterungen lehnt Fichte energisch als Anthropomorphosen ab. Dazu kommt ein weiterer Gegensatz zu beiden genannten Offenbarungskritiken: der der Natürlichkeit und Uebernatürlichkeit. Hieß es beispielsweise bei Wolff, daß nur etwas Natürliches, Vernünftiges von Gott sein kann, und im Gegensatz dazu bei Steinheimy daß für die rationalen Dinge dieser Welt Gott gar nicht erst bemüht zu werden braucht, so bleibt dies Für-oder-Wider ״bei Fichte durchaus irrelevant; eine Entscheidung darüber kann er nicht geben-, 1 Fichte, Kritik aller Offenbarung, § 3, Ausg. von Medicus, S. 29. 2 'Fichte, a. a. 0., § 7. Ende.