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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 450

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
Date
1930-01-01
Page
Seite 450 (sequence 14)
Language
German
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450 ab: die ,,Entwicklung“ verweist mit ihrem Keim, ihrem Wachstumstrieb, ihren Bedingungen und Gesetzen, kurz mit allen ihren aus dem Organischen, Natürlichen genommenen Begriffen hinüber in den Kreis des Denkens, der — ebenso wie jenes Organische — der Gesetzmäßigkeit, der Notwendigkeit, der szientifischen Demonstration zugehörig ist und der auch den Menschengeist unterordnet, der also nach Steinheim einen gerade durch seine Offenbarung bereits überwundenen Standpunkt bedeutet1. Im Anschluß an die Fragmente in den ,,Gegensätzen des Herausgebers“ spricht Lessing einen Gedanken aus, der Steinheim veranlaßt hat, dem Problem der Offenbarungskritik seine Lebensarbeit zu widmen2 und den wir oben als ein retardierendes Moment bezeiebneten. Es handelt sich um Lessings Kritik an Reimarus1 Polemik gegen die Gefangennehmung der Vernunft unter den Glauben. Diese Aeußerung stellt zweifellos nicht den Kerngedanken von Lessings gesamter Offenbarungsphilosophie dar (der in jener ״pädagogischen“ Fassung der ״Erziehung des Menschengeschlechtes“ und in anderen kleineren Schriften zu suchen ist); vielmehr hat Steinheim hier einen Gedanken zum Ansatzpunkt seiner Arbeit gemacht und irrtümlicherweise in den Mittelpunkt des Lessingschen Denkens geschoben, der in Wirklichkeit darin nur von peripherer Bedeutung ist, vielleicht sogar dessen Hauptzuge widerspricht. Denn Lessing versucht hier3, die Wahrheit in der Mitte zwischen den beiden Extremen der orthodoxen Theologen und der radikalen Aufklärer zu finden: ״Ob eine Offenbarung sein kann und sein muß, und welche von so vielen, die darauf Anspruch machen, es wahrscheinlich sei, kann nur die Vernunft entscheiden. Aber wenn eine sein kann, und eine sein muß, und die rechte einmal ausfindig gemacht worden: so muß es der Vernunft eher noch ein Beweis mehr für die Wahrheit derselben, als ein Einwurf dawider sein, wenn sie Dinge findet, die ihren Begriff übersteigen. Wer dergleichen aus seiner Religion auspolieret, hätte ebensogut gar keine. Denn was ist eine Offenbarung, die nichts offenbaret?“ Hier ist angedeutet, was den Keim zu seiner Weiterbildung bereits in sich trägt: Wir dürfen das Unbekannte, das X, was den Vernunftbegriff übersteigt, bereits auf die Rechnung jener Geschichtsphilosophie der Offenbarung bzw. der Bibel setzen, die Lessing schon jenseits — oder wenn man will oberhalb — der Kritik stellt und die von ihm zu Herder führt. ״Der Buchstabe ist nicht der Geist; und die Bibel ist nicht die Religion. . . Denn die Bibel enthält offenbar mehr als zur Religion gehörig ist; und es ist bloße Hypothese, daß sie in diesem Mehrern gleich unfehlbar sein müsse.“ Im Prinzip ist Lessing mit Reimarus einverstanden, wenn er auch dessen Radikalismus beträchtlich eindämmt. Er geht sogar einen kleinen Schritt zurück, aber nur scheinbar, denn er muß aus einer Sackgasse wieder heraus, in die Reimarus hineingeraten war; aber dann ist der Weg endgültig frei für eine neue von allen dogmatischen, spekulativen und wortgläubigen Elementen gereinigte Auf- 1 Steinheim, Offenbarung, II, S. 225. 2 Steinheim, Offenbarung, III, S. 337 ff. 5 ,,Gegensätze“, I.

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