Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 449 (sequence 13)
- Language
- German
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449 aus sekundäre und zufällige Argument bringt Reimarus״ Kritik in Gegensatz zu Steinheim mit seiner ״primären“, ״substantiellen“, auf den Inhalt bezüglichen. Damit ist nicht gesagt, daß das Inhaltliehe bei Reimarus ganz in den Hintergrund tritt — im Gegenteil, es nimmt in seiner Schutzschrift einen sehr breiten Raum ein, und auch Lessing hat in den Fragmenten verschiedenes herausgegeben, was ganz in diesen Bereich fällt. Aber, um diesen Gegensatz auf eine Formel zu bringen, Steinheim untersucht philosophisch und methodisch die Sache selbst, Reimarus historiscla und theologisch die Begleitumstände dieser Sache. Und mit seiner Kritik ist zunächst ein gewisser Abschluß erreicht; sachlich insofern, als mit dem Nachweis der Unmöglichkeit einer Offenbarung, bezw. mit dem Nachweis, daß die Bibel keine Offenbarung enthält, der radikalste Standpunkt eingenommen wird, der denkbar ist; aber auch problemgeschichtlich stehen wir an einem Wendepunkt, der seinerseits wieder Ergebnis dieses erwähnten sachlichen Abschlusses ist. Denn die Weiterbildung, die Lessing in seinen ״Gegensätzen des Herausgebers“ der Wolfenbütteier Fragmente und in seinen anderen religionsphilosophischen Schriften dem Offenbarungsproblem angedeihen läßt, weist bereits aus dem engeren Rahmen unserer Darstellung hinaus: wenn sich auch noch ein gewisses ״retardierendes Moment“ vorfindet, so ist die Offenbarungskritik der Aufklärung doch eigentlich abgeschlossen und wird nun umbiegend zur Offenbarungsdeutung. Lessing überwindet den negativ-kritischen Zug der religiösen Aufklärung und wird zum Geschichtsphilosophen der Offenbarung; seine ״Erziehung des Menschengeschlechts“, die mit dem bisher fremden Motiv der progressiven Entwicklung von der Kritik ab- und in ganz neue Bahnen einlenkt, interessiert uns nur insoweit, als sie dazu dient, gewisse Begriffe, die bisher bei uns positiv oder negativ eine Rolle gespielt haben, aus dem Gegensatz zu der Steinheimschen Lehre heraus klarer hervortreten zu lassen. So z. B., wenn Lessing im § 4 in Analogie zu der Erziehung von der Offenbarung nach deistischrationaler Denkweise sagt, daß sie dem Menschengeschlechte nichts gibt, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch, kommen würde; daß sie ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher gebe — eine Auffassung, der Steinheim aus dem schon mehrfach erörterten Gesichtspunkte der absoluten Originalität und Andersheit der Offenbarung heraus scharf widersprechen muß. Seine prinzipiellen Gedanken über sie schließen ja auch jede innere Ent- Wicklung derselben aus: sie ist ein einmaliger abgeschlossener Akt, dessen Ergebnisse — die Lehren — weiter wirken und weiter tradiert werden, und nicht wie bei Lessing ein Erziehungsmittel, das dauernd je nach der Auffassungsgabe und den geistigen Fähigkeiten des Zöglings angewandt wird, wobei sie bei deren Zunahme sich ebenfalls erweitert. Diese Statik bei Steinheim, von der wir schon einmal sprachen und die sich als absolute Ungeschicbtlichkeit geltend macht, verbietet folgerichtig jede weitere (Lessingsche) Erörterung über langsamere oder schnellere, frühere oder spätere Aneignung der in der Vernunft liegenden natürlichen Wahrheiten (§§ . 4, 70). Die Lessingsche Dynamik, die aus seiner ganzen Entwicklungsphilosophie spricht, lehnt Steinheim aber auch noch aus einem anderen Grunde Monatsschrift. 74, Jahrgang. 29