Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 448 (sequence 12)
- Language
- German
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448 diese Weitmaschigkeit auszunützen. Es wird nun wesentlich verengert bei Wolff, der dadurch die theoretische Möglichkeit zwar beibehält, sie aber praktisch beinahe bis zur Unmöglichkeit beschneidet. Was Wolff vom Wunder, seiner Möglichkeit und seiner Erkennbarkeit, d. h. seiner Kritik sagt1, gilt sinngemäß auch für die Offenbarung als übernatürliche Handlung Gottes, als eine Willenskundgebung. Seine Fragestellung stimmt hier mit der Steinheimschen fast wörtlich überein. In Wolffs scharfer Verklausulierung, kommt die von uns eingangs2 erwähnte These zu deutlichem Ausdruck, daß das Beweisverfahren bzw. der Maßstab, der von der Vernunft an die Offenbarung anzulegen ist, dem jeweils gewünschten Ergebnis angepaßt wird. Noch Locke läßt die Offenbarung gelten, Wolff macht sie auf feine Art, die ihn gleichzeitig vor allen Vorwürfen deckt, unmöglich: er läßt nach einer zutreffenden Formulierung Kuno Fischers3 Wunder und Offenbarung zu, nachdem er beide sorgfältig genug unter eine physikalische, moralische, ökonomische und grammatische Beaufsichtigung genommen, d. h. nachdem er ihnen Bedingungen auferlegt hat, die von den übernatürlichen Offenbarungen, welche die Religionsgeschichte erzählt, keine erfüllen konnte, noch jemals eine erfüllen wird. Selbst ausgesprochen hatte Wolff die Unerfüllbarkeit seiner Bedingungen nicht; die Konsequenz aus ihr zu ziehen, hatte er seinen Lesern überlassen. Reimarus dagegen tut diesen letzten Schritt selbst; er stellt Kriterien auf, die die Offenbarung unmöglich machen und spricht dann das Ergebnis dieser Kritik unumwunden aus. Von ihm gilt zunächst auch die der Spinozaschen ähnliche Grundlage der historischen Kritik. Es muß zunächst der Nachweis auf Grund inhaltlicher Merkmale geliefert werden, daß die Schriften des Alten und Neuen Testamentes keine Offenbarung liefern können, die den Leser zur Seligkeit geleitet. Allerdings verschiebt Reimarus das Problem ein wenig: Die Kritik wird nicht mehr direkt am Offenbarungsinhalt, an ihrem Gegenstand geübt, an den Aussagen von Gott, Welt, Weltschöpfung, Seele usw., sondern an den Begleitumständen, an den Trägern, Uebermittlern, Lehrern, Propheten, deren persönliche Gestalt, deren menschliche Lebens- und Verhaltungsweise im Widerspruch mit der Bedeutung dessen steht, was ihnen zu lehren, zu übermitteln, zu prophezeien von Gott aufgetragen ist. Wir haben aber ein natürliches Recht zu der Annahme, daß Gott in seiner Weisheit mit einer solch wichtigen Mission nur Menschen beauftragt hat, deren moralische Qualitäten mit ihrer religiösen Stellung übereinstimmen; da dies aber laut Beweis nicht der Fall ist, liegt hier keine göttliche Offenbarung vor, sondern Menschen werk, Scheinwesen und mehr oder weniger frommer Betrug. Berichte, die auf Männer zurückgehen und sich von Männern herleiten, die durchaus nicht ,,einwandfrei“ im Sinne ihrer Aufgabe sind, können gerade deswegen unmöglich diesen von Gott zur Weitergabe übergeben sein. Dies im Verhältnis zu Steinheim durch- 1 Vernünftige Gedanken von Gott ־usw., § 1010 ff. 2 Vgl. S. 438. 3 Gesch. d. n. Ph. 2, II, S. 758.