Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 447 (sequence 11)
- Language
- German
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■begegnen. Für Steinheim bedeutet jede als die Entwicklung des menschlichen Geistes, jede als Entfaltung in der Geschichte oder in der Natur aufgefaßte Offenbarung einen Abfall von der einzig mögliehen Begriffsbestimmung. Mit dem der Natur immanenten Gott, der ein Philosophen! ist wie irgendein heidnisches, scheiden zugleich dessen sämtliche als ,.,Offenbarung“ bezeichenbaren Wirkungen eo ipso aus.. Auch, das menschliche Bewußtsein als Offenbarungsort kann natürlich nicht gelten; von hier aus erfolgt die Kritik an Schleiermacher, dessen Neigung, zu Spinoza und dessen Lehre vorn unmittelbaren religiösen Bewußtsein ihn zu schärfsten Angriffen herausfordert: Steinheim verwirft allen Pantheismus und alle Gottes- und Weltvorstellung, die jenem nahekommt, aufs allerschärfste. Von hier aus müssen wir auch seine Haltung gegen Lessing, Goethe, Hegel, Schelling, vielleicht auch gegen Platon verstehen. Es liegt ganz im Sinne seines Offenbarungsbegriffs, wenn er jeder göttlichen Wirksamkeit innerhalb des Bewußtseins seinen Begriff der Belehrung von außen her gegenüberstellt, um den Ursprung der inadäquaten Kenntnis der Welt aus der Vernunft auszuschalten: die wichtigsten und'.׳philosophiegeschichtlich■ bedeutungsvollsten Theorien der Bewußtseinsoffenbarung, gegen die sich seine Kritiken immer wieder richten־, sind infolgedessen die platonische Lehre von der Anamnesis, die Schleiermachersche von der Ursprünglichkeit des religiösen Bewußtseins und die von den eingeborenen Ideen. Immer wieder hören wir, daß das Thaumaston, das Bewußtseinsfremde, auf dasSteinheim so großen Wert legt, eben das Gegenargument besonders gegen diese letzteren ist, welche uns ihrerseits zu einer Epoche der Philosophie führen, in der das Problem der Offenbarungskritik expressis verbis gestellt und beantwortet wird, die Zeit der Aufklärung. Von ihren deutschen Vertretern sind in erster Linie Wolff und Reimarus, ferner Lessing in unserem Zusammenhänge zu nennen. Für die beiden Erstgenannten ist das Problem ebenso formuliert wie für Steinheim auch; Lessing, den Höhepunkt der Aufklärung darstellend, bringt mit der Betonung des erzieherischen Gedankens in der Offenbarung ein neues, geschichtsphilosophisches Moment, indem er gleichzeitig das sachkritische zurückstellt und zu einer Gruppe von Denkern, überleitet, die uns hier ferner stehen, die aber in einem anderen Zusammenhang ihre Betrachtung finden müssen: Herder, Jacobi und Hamann, Auch Leibniz fällt nicht ganz in unsere Problemstellung hinein. Eine Qffenbarungskritik im eigentlichen Sinne gibt es für ihn nicht. Der Harmonisierungsversuch, den er zwischen geoffenbarter und natürlicher. Religion macht, indem er beide zwar aus verschiedenen Quellen fließen׳, sie aber zu gleichen Ergebnissen gelangen läßt, erübrigt ja schließlich auch die Kritik. Die Unterscheidung zwischen Uebervernünftig: und Wider vernünftig, die Bayle als unberechtigt verworfen und Leibniz ihm gegenüber aus seiner Erkenntnislehre heraus verteidigt hatte, wird auch bei Locke noch beibehalten. Sie dient dazu, das Uebervemünftige noch als denkmöglich hinzustellen und so in den. Bereich des Ge offenbarten hineinzunehmen, das Wider vernünftige aber auszuscheiden. Das Kriterium ist also ziemlich weitmaschig und es ist Sache der Deutung und Exegese,