Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
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446 fjtszdßaaic dz äkko yivoz erfolgt. Ihr entspricht Spinozas Antwort auf unsere spezielle Frage, daß hier niemals Erkenntnis, Wissen, Spekulation, Theorie gegeben werden soll, daß ,,wer in den Büchern der Propheten Weisheit oder Kenntnis der natürlichen oder geistigen Dinge sucht, auf ganz falschem Wege ist“1. Was sie aber wohl gibt, ist Moral, Rechtschaffenheitslehre, Anweisung zu gottgefälligem Lebenswandel, ethische Praxis; was sie beansprucht, ist Gehorsam gegen Gottes Gebot: den Nächsten zu lieben und Gerechtigkeit zu üben. Darum ist auch die Gewißheit, die in der Offenbarung waltet, eine moralische, praktische, keine theoretische: ,,die Frommen und Auserwählten täuscht Gott nie“. Rationale Beweisbarkeit, daß nun auch wirklich die Befolgung des Gebotes des Gehorsams gegen Gott selig mache, gibt es freilich nicht. Und muß lediglich genügen, daß hier eine allgemeine Uebereinstimmung vorliegt mit dem, was die Vernunft in unserm eigenen Innern von uns verlangt. Mit dieser Kongruenz der göttlichen Moralforderung und der natürlich-vernünftigen haben wir uns der Vernunftreligion, die mit den! menschliehen Denken nicht mehr im Widerspruch steht, beträchtlich genähert. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den für unsere Problem- Stellung wichtigsten Faktor : den Verzicht auf. jede spekulative Tendenz der Offenbarung und die Beschränkung lediglich auf das praktische Gebiet; als Konsequenz daraus einerseits die Bestreitung aller Ansprüche, die die dogmatische Theologie an den Staat stellt und die grundsätzliche Scheidung von Philosophie und Theologie in Bezug auf Erkenntnis, andererseits die Feststellung der Uebereinstimmung der ethischen Offenbarungsforderungen mit der Vernunft — und stellen wir jetzt den Steinheimschen Offenbarungsbegriff dem Spinozaschen gegenüber. Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden2, daß in dieser Beziehung Spinoza mit Mendelssohn und Schleiermacher auf gleichem Standpunkt steht: alle drei befreien die Religion von ihren spekulativen, erkenntnistheoretischen Elementen, Mendelssohn, indem er ihr gleich Spinoza nur ethische Aufgaben zuweist, Schleiermacher, indem er sie auf eine ganz andere Grundlage stellt und mit dem ,,frommen Bewußtsein“ eine ganz neue Kategorie in die Untersuchung bringt. Es liegt auf der Hand, daß sich Steinheim gleicherweise gegen alle drei wendet und ihnen gegenüber sich auf den Erkenntniswert der Offenbarung nachdrücklich beruft. Aber es ist nicht nur der Zweck und der Sinn der Offenbarung, der Steinheim von Spinoza scheidet und ihn in eine Reihe mit den Amsterdamer Rabbinen steht,, deren Bannfluch eine historische Notwendigkeit war, — tiefer als diese Differenzen sind die metaphysischen. Der unbedingte, persönliche Theismus Steinheims muß natürlich mit der Gotteslehre Spinozas hart aneinandergeraten, mit ihr wie mit allen Philosophien, die in irgendeiner Beziehung zu ihr stehen. Jede Lehre, deren Gottesbegriff nicht die gleichen anthropomorphistischen Züge, aufweist, jede Offenbarung, die nicht ganz eng und straff als sinnliche, belehrende, Neues lehrende Kundgebung eines außerweitliehen, transzendenten Gottes gefaßt ist, muß schärfster Abweisung 1 Theol.-pol. Tr., Ausg. Rec-lam, S. 57. 2 Ueberweg-Heinze, a. a. 0.־ III. 12, S. 280;