Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 9)
- Language
- German
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445 der Offenbarung als Faktum beruhende, absolut ungeschichtliche Geschichtsauffassung eingeschworen, daß er das Wesentliche oft übersieht. Daß religiöse Vorstellungen nicht bloß dem Denken entspringen, daß alle die Theo- und Kosmogonien, Mythen und Mysterien, mit denen er sich im zweiten und dritten Bande der ,,Offenbarung" beschäftigt, nicht bloß Denk- oder Phantasieprodukte sind, sondern an Erlebnisse, an Zeit und Raum, Landschaft und Geschichte, Leben und Umwelt gebunden sind oder doch wenigstens von ihnen mitgeformt werden, liegt nicht auf der Linie seinerjPhilosophie. Kritik im Sinne historischen Verstehens suchen wir vergebens!bei ihm, auch darum ist sein System so starr, und auch darum kommen wir, sind wir erst einmal darin, nicht weiter und auch nicht wieder hinaus. Das Moment des historischen Verstehens und der historischen Kritik, das wir bei Steinheim wie auch bei der französischen und englischen Aufklärung, als deren zwar nicht typischen, aber für 1'eligiöse Fragen grundlegenden Vertreter wir Bayle dargestellt haben, vergebens suchen, kommt bei Spinoza zu maßgebendstem Ausdruck. Er schreibt, abgesehen von den persönlichen Motiven, den Theologisch-politischen Traktat, um Philosophie und Religion gegeneinander abzugrenzen, um die Wissenschaft als Erkenntnissystem gegen die Religion, die mit,dem gleichen Anspruch auftritt, zu verteidigen; um den Staat vor den Forderungen der Theologie, die ihm letzten Endes wesensfremd ist, zu schützen. Dieser Schutz ist nur möglich durch einen Angriff auf die Quelle der Theologie, auf die Bibel und die Offenbarung. Er wird geführt durch den Nachweis, daß die Offenbarung eben dieses Erkenntnismittel nicht ist und auch nicht sein will, daß also der Anspruch, den die Theologie an den Staat macht, und den sie mit eben jenem Erkenntniswerkzeug begründet, erschlichen ist. Dieser Nachweis ist ein negativer; er lehrt uns, was die Offenbarung nicht ist und nicht will; mit ihm verbunden ist ein Positives: Was ist denn ihr Ziel und ihre Absicht, was ist der Plan ihres göttlichen Urhebers? Mit der Beantwortung dieser Frage ist freilich die Frage nach ihrem Verhältnis zur natürliehen Erkenntnis, zur Philosophie und zur Wissenschaft verknüpft. Das Problem lautet also bei Spinoza anders als bisher; es muß anders lauten, weil es einen ganz anderen Ausgangspunkt, einen praktischen, politischen und keinen erkentnistheoretischen hat. Seine Frage lautet nicht: Sind die Aussagen dieser Urkunden wahr und zutreffend wie eine mathematische oder physikalische Behauptung, die in die Naturwissenschaft fällt? Sondern: Haben wir ein Recht, auf Grund der ursprünglichen Ab sicht des oder der Urheber dieser Jahrtausende alten Urkunden auf ihnen ein Erkenntnissystem aufzubauen, in ihnen Grundlagen wissenschaftlicher Belehrung zu sehen? — Darum ist Spinozas Erklärungsweise der Bibel auch eine ganz andere: nicht natürlich oder übernatürlich, denn der Maßstab dafür wäre die Vernunft, also etwas über den Ereignissen und Berichten Stehendes; vielmehr geschichtlich, zeitgebunden, aus ,,inneren, in den Schriften selbst enthaltenen Gründen" heraus1, womit denn eine völlige 1 Kuno Fischer, Gesch. d.'n. Pli. 2, I, S. 193.