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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 6 · p. Seite 444

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 6
Article
Die problemgeschichtlichen Zusammenhänge von S. L. Steinheims "Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge"
Date
1930-01-01
Page
Seite 444 (sequence 8)
Language
German
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444 Vernunft mehr als das, nämlich Einwände zu machen und zu zerstören, auch nicht vermag. Danach aber dem Glauben trotzdem noch Anerkennung zu zollen, ist mehr als Ironie und Sarkasmus, ist Heuchelei1 2. Wenn wir diese Stellung Bayles ins Auge fassen, und in Verbindung mit Steinheims Vernunftkritizismus bringen, wird uns klar, daß Steinheim ein Opfer dieser Heuchelei geworden ist und daß Bayle für ihn die Rolle eines advocatus diaboli spielt. Gewiß, er ist nicht mit allem einverstanden, er opponiert lebhaft auf Grund seiner ganzen Einstellung gegen den metaphysikfreien ethischen Rationalismus, gegen die Unabhängigkeit der Vernunft in bezug auf die Sittlichkeit und gegen die Autonomie des Gewissens. Es ist die sich ankündigende Aufklärung, die Steinheim hier schon in Bayle angreift, denn er hat dessen Doppel Stellung nicht erkannt. Ihm ist nicht zum Bewußtsein gekommen, daß er ,,Durchgangspunkt ist und Mittelglied zwischen Bacon und der französischen Aufklärung*f2. Er sieht immer nur den rückwärts und Bacon zugewandten Skeptiker, dessen Vernunft hinter dem Glauben zurücktritt, er weiß nur um seine vergeblichen Versuche einer Befriedung der einander feindlich gewordenen Brüder. Er beruft sich immer nur auf den Mann, dem es nicht gelingt, mit der Vernunft hinter die Geheimnisse und Rätsel des Transzendenten zu gelangen. Der in die Zukunft weisende Bayle, der zu wissen wagt, so weit er nur Vordringen kann, der mit der Intensität eben jener Einwände, von denen wir sprachen, so starke Breschen schlägt, daß alles andere nur noch lächerliche Flickerei ist, bleibt ihm verschlossen. Daß dieser Baylesche Skeptizismus in Wirklichkeit der Ausgangspunkt der von ihm in ihrer ,,formalen**, den Geist befreienden Bedeutung gelobten, in ihren inhaltlichen Resultaten aber mit dem. ״Heidentum** identifizierten religiösen Aufklärung werden mußte3 und deren Ideen in hohem Maße mit erzeugen half, ist ihm niemals zum Bewußtsein gekommen. Es scheint, daß Steinheim letzten Endes nicht imstande ist, geschichtlich zu denken, daß er unter demselben Mangel leidet, wie sein Gegenpol, die englische und französische Aufklärung, die sich in dieser Be־־ ziehung wesentlich von der deutschen unterscheidet. So wie es in seiner Offenbarung keine Entwicklung gibt, so wie dort alles auf Grund eines einmaligen und abgeschlossenen Aktes vorhanden ist und ein ,,Historisches ohne historischen Charakter** vorliegt4, so steht es auch um seine Betrachtung aller geistigen Erscheinungen, zumal philosophischer Gestalten ־— seien es nun Persönlichkeiten, seien es Probleme. Daß ein Denker wie Bayle, daß ein Denker überhaupt Durchgang, Mittelglied, Stufe, Verbindung sein konnte, daß sein Skeptizismus nicht nur aus einer bestimmten Denkhaltung resultierte, sondern auch dieselbe in einer bestimmten Richtung weitertrieb, liegt völlig außerhalb seiner absolut undynamischen Geistesart. Steinheim ist so sehr auf seine eigene statische, auf 1 Vgl. die Darstellung bei Kuno Fischer. 2 Kuno Fischer, a. a. O. X, S. 304. 3 Steinheim, Offenbarung, I, S. VIII und I, S. 286. 4 Vgl. Steinheim, Offenbarung, I, S. 27; Andorn, a. a. O. S. 20.

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